«Je volatiler die Welt wird, desto attraktiver wird die Schweiz»
Werden Family Offices bei Private Equity selektiver?
Die Family Offices, mit denen wir arbeiten, waren schon immer selektiv. Sie haben Zugang zu einigen der besten Manager weltweit und können entsprechend auswählen.
Was sich verändert, ist der breitere Zugang zu privaten Märkten. Evergreen-Fonds gewinnen bei Private Equity, Infrastruktur und Private Credit an Bedeutung. Noch ist offen, wie sich das auf traditionelle geschlossene Fonds auswirkt. Ich erwarte keine grundlegende Veränderung dieses Segments.
Für Family Offices mit etabliertem Zugang zu führenden Managern bleibt die sorgfältige Auswahl jedenfalls zentral.
Wie problematisch sind die fehlenden Exits? Oder können Family Offices dank ihres langen Anlagehorizonts einfach abwarten?
Rückflüsse an die Anleger werden intensiv diskutiert. Gleichzeitig schaffen Continuation Vehicles neue Möglichkeiten. Dabei werden Beteiligungen bestehenden Investoren erneut beziehungsweise neuen Investoren angeboten.
Für Family Offices kann das interessant sein, wenn sie bisher nicht in einem bestimmten Fonds investiert waren, keinen Zugang zu einer Beteiligung hatten oder ein strategisches Interesse an einem Unternehmen verfolgen. Dieser Markt ist inzwischen so bedeutend, dass wir im Asset Management ein darauf spezialisiertes Geschäft haben.
Bei der Kapitalaufnahme zeigt sich zudem eine klare Spreizung. Führende Manager mit überzeugenden Erfolgsbilanzen können weiterhin grosse Fonds auflegen. Schwächere Manager brauchen länger oder haben Schwierigkeiten, Kapital einzuwerben. Wer gute Ergebnisse erzielt und Kapital mit attraktiven Renditen zurückzahlt, wird auch künftig gefragt sein.
Befürchten Sie, dass Family Offices inzwischen zu stark in künstliche Intelligenz investiert sind?
Bei den Family Offices, mit denen wir arbeiten, sehe ich sehr professionelle Anlageteams und Anlageausschüsse. Deshalb bereitet mir ihr Engagement grundsätzlich keine Sorgen.
Natürlich können Märkte und Bewertungen volatil sein. Aber etablierte, institutionell aufgestellte Family Offices investieren nicht einfach, weil sie Zugang zu einer Gelegenheit erhalten. Sie prüfen sorgfältig, ob diese zu ihrer Strategie passt.
Die Prüfung ist also strenger geworden?
Es gibt jedenfalls einen klaren Prüfprozess. Zugang allein ist kein Kaufargument.
Interessant ist auch, wie Family Offices KI selbst im Anlageprozess einsetzen. Bei einem Kunden-Dinner vor rund sechs Monaten fragten wir acht bis zehn Family Offices, wer dies bereits tue. Alle hoben die Hand.
«Ich kann mir gut vorstellen, dass Family Offices uns bald vermehrt Fragen stellen, die sie mithilfe von KI entwickelt haben.»
Die Anwendungen reichten von Zusammenfassungen eingehender Präsentationen bis zu Anlagevorschlägen, die frühere Entscheidungen des Teams und des Anlageausschusses berücksichtigen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Family Offices uns bald vermehrt Fragen stellen, die sie mithilfe von KI entwickelt haben. Umgekehrt ist die Integration von KI in unsere Arbeitsabläufe eine strategische Priorität für Goldman Sachs. Die Verarbeitung von Informationen sowie die Erstellung von Modellen und Präsentationen werden auf beiden Seiten schneller. Das macht uns effizienter, noch besser vorbereitet und produktiver.
Macht Ihnen der Einsatz von KI auch Sorgen?
Beruflich bin ich begeistert. Ich nutze KI mehrmals täglich, und sie hilft unserem Team enorm. Aufgaben, die früher viel Zeit beanspruchten, lassen sich heute in Minuten erledigen. Besser informierte und professionellere Kunden sind auch für uns positiv.
Aber als Vater von zwei jungen Erwachsenen verstehe ich, dass die vielen Unbekannten rund um die Frage, wie KI unser Leben verändern wird, eine Herausforderung darstellen.Wir müssen einen vernünftigen Umgang mit dieser Technologie finden.
Neben den USA: Welche Bedeutung haben Asien und der Nahe Osten für Family Offices?
Der Nahe Osten war zuletzt zwar volatiler. Dort gibt es aber ausgesprochen professionelle Investoren, insbesondere innerhalb von Family Offices. Sie investieren sowohl in den Ländern des Golfkooperationsrats als auch weltweit und gehören zu den besten ihres Fachs. Deshalb investieren wir erheblich in den Ausbau unseres Geschäfts vor Ort.
«Ich bin sehr zuversichtlich für die Schweiz.»
In Asien sehen wir ebenfalls eine hohe Nachfrage nach europäischen und amerikanischen Anlagen, insbesondere in den Bereichen Technologie, Markenartikel und Luxusgüter.
Wie beurteilen Sie die Schweiz als Standort für Family Offices?
Ich bin ein grosser Fan der Schweiz. In meiner Karriere habe ich viel Zeit in Zürich verbracht. Die Schweiz ist seit vielen Jahren gewissermassen die geistige Heimat der Family Offices in Europa.
Ich bin sehr zuversichtlich für die Schweiz. Je volatiler die Welt wird, desto attraktiver wird sie als Ort zum Leben, Arbeiten und Investieren – für sehr vermögende Familien ebenso wie für die Verantwortlichen ihrer Family Offices.
Könnten Family Offices eine grössere Rolle bei der Finanzierung von Schweizer Innovation spielen?
Das geschieht bereits. Wir stehen regelmässig mit unseren Schweizer Investmentbankern im Austausch über Kapitalaufnahmen und andere Transaktionen. Auch der Schweizer IPO-Markt hat sich im Vergleich mit manchen ähnlich grossen Märkten relativ widerstandsfähig gezeigt.
Bioengineering, klassisches Ingenieurwesen und Medizintechnik sind Bereiche, in denen die Schweiz besonders stark ist. Mit Family Offices in Europa, der übrigen EMEA-Region und den USA über Schweizer Innovation und Präzisionstechnik zu sprechen, fällt uns deshalb relativ leicht.
Was erwarten Family Offices umgekehrt von einer Bank wie Goldman Sachs?
Vor allem Zugang: zu führenden Managern, flexiblen Finanzierungsmöglichkeiten und direkten Beteiligungen. Solche Gelegenheiten entstehen über unser Investmentbanking oder über bestehende Kunden, die Kapital für ein Portfolio-Unternehmen suchen.
Manchmal benötigen Family Offices Beratung zu einer bestimmten Transaktion. Häufig suchen sie aber einen kontinuierlichen Zugang zu besonderen Anlagegelegenheiten.
Unsere Stärke liegt aus meiner Sicht darin, Investmentbanking, Kapitalmarktgeschäft sowie öffentliche und private Anlagen im Asset Management unter einem Dach zu verbinden. Hinzu kommen Beratung und Umsetzung im Wealth Management. Diese Fähigkeiten wollen wir unseren Kunden dann zur Verfügung stellen, wenn sie sie benötigen.
Das ist Ihr entscheidendes Unterscheidungsmerkmal?
Genau. Es geht darum, diese unterschiedlichen Kompetenzen von Goldman Sachs für den Kunden zusammenzubringen und im richtigen Moment nutzbar zu machen.
Welche Veränderung wird das Anlageverhalten von Family Offices 2027 am stärksten prägen?
Wenn wir Markterwartungen ausklammern, ist es aus meiner Sicht die nächste Professionalisierungswelle durch KI. Family Offices können sich schneller und kostengünstiger zusätzliche Analysekompetenz über sämtliche Anlageklassen erschliessen.
Das beginnt bei der Suche nach einem passenden ETF für eine bestimmte Vermögensaufteilung und reicht bis zur Prüfung eines komplexen, illiquiden Unternehmensinvestments. Sobald die Informationen in einem virtuellen Datenraum zugänglich sind, kann KI die Analyse beschleunigen und vertiefen.
Der Zeit- und Kostenaufwand sinkt. Dadurch können Family Offices ihre Rolle als bedeutende Finanzinvestoren oder strategische Partner weiter ausbauen. Das wird über das nächste Jahr hinaus wirken.
Auch unsere eigene Arbeit wird sich verändern: von der Prüfung von Anlagegelegenheiten über die Erstellung von Unterlagen bis zur Ansprache von Investoren.
Darren Allaway ist Managing Director bei Goldman Sachs Apex und leitet das Geschäft in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA). Das auf Family Offices spezialisierte Team gehört zum Bereich Wealth Management. Allaway berät internationale Family Offices und Multi-Family Offices zu Portfoliokonstruktion, Anlageauswahl und komplexen Finanzierungen. Zudem ist er Co-Leiter des EMEA Black Network bei Goldman Sachs.
Er arbeitete von 1998 bis 2001 als Analyst in der Investment Management Division von Goldman Sachs. Von 2009 bis 2019 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der UBS Global Family Office Group. 2019 kehrte er als Managing Director zu Goldman Sachs zurück. Allaway spielte professionell Basketball in Spanien.
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