Ist in der Schweiz das Optimum der Zuwanderung schon überschritten?
Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen: Dass an einer Schweizer Universität eine differenzierte Betrachtung der Vor- und Nachteile der Zuwanderung (und damit indirekt auch der Personenfreizügigkeit mit der EU) aus ökonomischer Sicht vorgenommen wird, mit einem Publikum, das die kritische Haltung des Referenten grossmehrheitlich wohl teilt.
Denn lange war das Narrativ, wonach der freie Personenverkehr ebenso wie der freie Güter- und Kapitalverkehr den Wohlstand eines Landes quasi automatisch mehren würde, in Wirtschaftskreisen (und in der Akademie sowieso) übermächtig – wer erinnert sich nicht etwa an die Apfelbäume samt ihren prallen Früchten, mit denen der Dachverband Economiesuisse seinerzeit in Abstimmungen erfolgreich warb?
Schauplatz des Geschehens vor einer Woche war die Universität Luzern, wo Ökonom, Glücksforscher und Buchautor Professor Mathias Binswanger auf Einladung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) vor vollbesetztem Saal zur Thematik «Mehr Wachstum, weniger Lebensqualität? Auswirkungen der Zuwanderung in der Schweiz» referierte. Politisch an Brisanz gewonnen hat sie natürlich mit der Abstimmung vom 14. Juni über die (je nach Standpunkt ) Nachhaltigkeits- oder Chaosinitiative, die das Niveau der Bevölkerung in der Schweiz bis 2050 auf 10 Millionen begrenzen will und daher offiziell auch den Namen «Keine 10-Millionen-Schweiz!» trägt.
Zielkonflikte und das gesellschaftliche Optimum
In Luzern standen allerdings grundsätzliche Fragestellungen und nicht die Initiative im Zentrum. Das machte bereits IWP-Direktor Professor Christoph Schaltegger bei seiner Einleitung klar, indem er daran erinnerte, dass Zuwanderung zu Zielkonflikten führen und sie auch Externalitäten (Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen) verursachen kann. Zuwanderung könne auch höher ausfallen als das gesellschaftliche Optimum.
Beispiele für solche Externalitäten sind der durch die gewachsene Bevölkerung erforderliche Ausbau der Infrastruktur (Verkehr, Bildung, Gesundheit) und die Mehrbelastung des Sozialstaats. Ökonomen empfehlen in solchen Fällen, dass die Kosten gemäss dem Verursacherprinzip verrechnet werden. Eine solche Internalisierung sei aber schwierig, hielt Schaltegger fest.
Relevant, originell und unterhaltsam
Mathias Binswanger demonstrierte, dass auch ein längerer ökonomischer Vortrag zu einem vielschichtigen Thema für die Zuhörer nicht nur informativ, sondern durchaus auch unterhaltsam sein kann. Er redete nicht lange um den heissen Brei herum, sondern lieferte rasch Antworten auf vier wichtige Grundfragen.
Ja, die Schweiz braucht im aktuellen Wirtschafts- und Geldsystem Wachstum. Ja, Wirtschaftswachstum ist grundsätzlich auch ohne Zuwanderung möglich. Nein, die Zuwanderung der letzten 25 Jahre (und damit seit Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU) hat nicht zu einem wesentlich höheren Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf geführt. Nein, ein steigender materieller Wohlstand bedeutet nicht, dass das Glücksgefühl der Menschen automatisch zunimmt.
Japan ist kein abschreckendes Beispiel
Bemerkenswert waren nicht nur die Binswangers Botschaften, sondern auch deren Verpackung. Er bediente sich einer verständlichen Sprache (was im Wissenschaftsbetrieb leider eher die Ausnahme ist), anschaulichen (wenn auch teilweise leicht suggestiven) Bildern und lockerte mit seinem trockenen Schalk die Ausführungen immer wieder auf.
Zudem nahm er gekonnt einen aktuellen Faden auf, den die «NZZ am Sonntag» wenige Tage zuvor gesponnen hatte. Diese hatte die These aufgestellt, dass der Schweiz mit der Nachhaltigkeitsinitiative und ohne Zuwanderung das Schicksal drohe, das in Japan bereits Realität sei: Bevölkerungsschwund und Landflucht.
Das durchschnittliche Prokopfeinkommen habe sich in Japan in den letzten Jahren besser entwickelt als in der Schweiz, konterte Binswanger. Zudem arbeiteten viele Japaner auch im Rentenalter weiter (was ihr Glücksgefühl offenbar verstärkt), und das Land habe als Reaktion auf den Arbeitskräftemangel viel automatisiert, etwa mit Robotern in der Altenpflege. Zudem lasse das Inselreich unter strengen Auflagen und Bedingungen neuerdings etwas mehr Einwanderung von bestimmten Fachkräften zu.
Hausgemachter Schweizer Fachkräftemangel
Die Klage über den Fachkräftemangel ist auch hierzulande ein Klassiker in der Einwanderungsdebatte. Binswanger wies darauf hin, dass der Fachkräftemangel mindestens zu einem guten Teil hausgemacht ist, also auch eine Folge der Anreize und Strukturen des Bildungswesen ist.
In der rege genutzten Diskussion mit dem Publikum rückte wenig überraschend doch noch die Initiative ins Zentrum. Binswanger bekannte, dass er als Ökonom zahlenmässige Begrenzungen eigentlich nicht gut finde könne, liess aber durchblicken, dass das Optimum an Zuwanderung wahrscheinlich schon überschritten ist. «Es braucht eine massvollere gesteuerte Zuwanderung, und ohne diese Initiative ändert sich in der Politik gar nichts.»















