Markus Bürgi: «Wir stehen vor einer Evolution der Banking-Profile»


Herr Bürgi, wie würden Sie die aktuellen Berufsaussichten im Schweizer Finanzsektor beschreiben?


Die Berufsaussichten im Schweizer Finanzsektor sind weiterhin gut – aber sie sind selektiver geworden. Die Schweiz bleibt ein starker, breit diversifizierter und international relevanter Finanzplatz. Gleichzeitig stehen klassische Bankprofile stärker unter Druck: durch Margen, Regulierung, Digitalisierung und die laufende Neuaufstellung vieler Institute.

«KI verändert auch die Rolle von Fachkräften grundlegend.»

Zahlreiche Fachkräfte spüren derzeit Unsicherheit: Ist das nur ein kurzfristiges Phänomen oder ein struktureller Wandel?

Ich halte das nicht für ein kurzfristiges Phänomen, sondern für einen strukturellen Wandel. Wir erleben nicht einfach eine konjunkturelle Delle, sondern eine tiefere Verschiebung der Anforderungen. KI automatisiert nicht nur einfache Routinen, sondern zunehmend auch anspruchsvollere Wissensarbeit. Das verändert die Rolle von Fachkräften grundlegend.

Ich bleibe dennoch optimistisch. Frühere technologische Umbrüche haben zwar Berufe verändert und auch verdrängt, langfristig aber neue Möglichkeiten geschaffen und die Produktivität sowie die Lebensqualität der Menschen erhöht.

Worauf kommt es jetzt an?

Entscheidend ist, dass wir technologisch am Ball bleiben: als Volkswirtschaft, als Unternehmen und als Individuen. Für die Schweiz ist unsere Forschungs- und Bildungslandschaft also nicht einfach ein Standortvorteil, sondern eines der wichtigsten Instrumente, um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten.

Jetzt mitmachen bei der Umfrage zu den Berufsaussichten.

Stehen wir vor einem Fachkräftemangel oder vor einer Überkapazität in klassischen Banking-Profilen?

Wir stehen nicht vor einem einfachen Mangel oder einer Überkapazität, sondern vor einer Evolution der Profile. Die Welt ist dynamischer geworden. Das Wissen von heute muss ständig aktualisiert werden.


«Damit der Wandel gelingt, brauchen es zwei Komponenten: persönlichen Drive und die passenden Bildungsangebote.»

«Klassische» Banking-Profile verschwinden nicht – sie entwickeln sich weiter. Damit dieser Wandel gelingt, braucht es zwei Komponenten: persönlichen Drive und die passenden Bildungsangebote. Genau hier setzen wir an: Mit dem Swiss Finance Institute und unseren SFI Master Classes stellen die Banken in der Schweiz sicher, dass die Bankenbranche durch gezielte, praxisnahe Weiterbildung die Fachkräfte von morgen aktiv mitgestaltet.

Wie stark verändert Künstliche Intelligenz (KI) bereits die Jobprofile?

KI schreibt Jobprofile nicht von heute auf morgen um, aber sie verändert die DNA unserer täglichen Arbeit. Statt ganzer Berufe werden vor allem einzelne Aufgabenpakete – etwa Routine, Recherche, Zusammenfassung, erste Analysen, Dokumentation oder Entwürfe – effizienter durch KI unterstützt.


«Wer lernt, KI-Ergebnisse fundiert zu prüfen, wird in dieser neuen Arbeitswelt massiv an Wert gewinnen.»

Das Ergebnis? Jobprofile werden hybrider. Die entscheidende Frage für Fachkräfte ist heute nicht mehr nur «Was weiss ich?», sondern «Wie kombiniere ich mein Fachwissen mit Technologie und kritischem Denken?» Wer lernt, KI-Ergebnisse fundiert zu prüfen und verantwortungsvoll einzusetzen, wird in dieser neuen Arbeitswelt massiv an Wert gewinnen. Die Souveränität im Umgang mit der Technologie wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Wird KI das dominierende Thema für die Mitarbeitenden in den kommenden Jahren?


Absolut. KI wird fast jedes Berufsbild berühren und wird zur Grundkompetenz. Für die Mitarbeitenden ergeben sich daraus drei Kernentwicklungen: Höhere Produktivität durch Automatisierung, ein Anstieg der Anforderungen an analytisches und regulatorisches Urteilsvermögen sowie dynamischere Rollenprofile. Es geht letztlich darum, KI als Werkzeug zu beherrschen.


Gleichzeitig dürfen wir die systemischen Herausforderungen nicht aus den Augen verlieren. Damit die KI-Entwicklung ihr volles Potenzial entfalten kann und nicht zum Risiko wird, müssen wir die Herausforderungen bei der Regulierung, der Datensicherheit und den Cyberrisiken meistern.

Auch die physischen Grundlagen – wie eine stabile Energieversorgung und die nötige Infrastruktur – werden meines Erachtens entscheidende Faktoren für das Tempo der weiteren Entwicklung sein. 


Der Finanzplatz Schweiz wurde in den vergangenen Jahren mehrmals heftig durchgeschüttelt. Erleben wir derzeit wieder eine Phase der Stagnation?

Ich würde es nicht Stagnation nennen, wir befinden uns vielmehr in einer Phase der Transformation. Die Ausgangslage für die Schweiz ist nach wie vor stark: hohe Glaubwürdigkeit, ein breites Spektrum an Finanzdienstleistungen und eine exzellente Bildungslandschaft.

Wie sehr spielt der Krieg im Nahen Osten und die damit verbundene Unsicherheit dem Finanzplatz Schweiz in die Karten?

Die aktuelle Unsicherheit – sei es übergeordnet geopolitisch oder im Speziellen durch den Iran-Krieg – ist für die Schweiz ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fungiert der Finanzplatz als klassischer «sicherer Hafen» und profitiert von der aktuellen Lage. Unsere politischen und institutionellen Stärken ziehen Kapital an, was sich unter anderem im Aufwertungsdruck des Frankens widerspiegelt.


«Wir dürfen den aktuellen Vertrauensbonus nicht mit nachhaltigem Wachstum verwechseln.»

Andererseits bringt die Situation auch erhebliche Risiken mit sich: Volatilität am Markt, Inflationsdruck durch Energiepreise und Belastungen für die Exportwirtschaft. Wir dürfen den aktuellen Vertrauensbonus also nicht mit nachhaltigem Wachstum verwechseln. Er ist eine Reaktion auf die Weltlage, kein unmittelbares Produkt unserer eigenen Dynamik.

Wird die Schweiz als «sicherer Hafen» langfristig Aufwind erhalten oder wird der Nahe Osten als Finanzplatz sich schon bald wieder auffangen können?



Ich sehe nicht als Wettbewerb zwischen zwei Modellen, sondern als das Nebeneinander zweier unterschiedlicher Logiken. Die Schweiz gewinnt in unsicheren Zeiten Vertrauen, der Nahe Osten gewinnt langfristig Gewicht. Das eine schliesst das andere nicht aus. Die Schweiz bleibt der klassische Sicherheits- und Stabilitätsstandort, die Golfstaaten bleiben dynamische Wachstums- und Kapitalzentren.

Aber der Vertrauensbonus der Schweiz darf nicht zur Selbstzufriedenheit führen. Um langfristig zu bestehen, müssen wir unsere Stabilität zwingend mit Innovation, Talent, Technologie und internationaler Wettbewerbsfähigkeit kombinieren. Nur sicher zu sein, wird auf Dauer nicht genügen.

Was würden Sie einem jungen Talent heute raten: Einstieg in den Finanzsektor – ja oder nein?


Definitiv Einstieg! Der Finanzsektor ist das Herzstück der Weltwirtschaft – hier wird die Zukunft finanziert und gestaltet. Für junge Talente ist das heute zwar eine anspruchsvolle, aber auch eine extrem spannende Zeit. Durch den technologischen Wandel werden völlig neue Berufsfelder erschaffen. Es braucht Menschen, die Technologie lieben und gleichzeitig die analytische Tiefe mitbringen, um die Welt hinter den Zahlen zu verstehen. Für mich persönlich ist diese Mischung aus Dynamik und Verantwortung einfach das spannendste Umfeld, das man sich vorstellen kann.


Markus Bürgi ist Chief Financial and Operating Officer des Swiss Finance Institute (SFI). Davor war er für zahlreiche SFI-Aus- und Weiterbildungsangebote verantwortlich und für die UBS im Bereich der Fixed-Income-Analyse tätig.