Die nächste Disruption im Banking kommt aus der Softwareentwicklung

Die Diskussion über künstliche Intelligenz im Finanzsektor dreht sich häufig um Effizienzgewinne, Automatisierung oder neue Beratungsmodelle. Für den Unternehmer und Finanzexperten Volkmar Ritter von https://bicon.li liegt die eigentliche Revolution jedoch an einem anderen Ort: bei der Art und Weise, wie digitale Systeme künftig entstehen.

Innerhalb weniger Wochen entwickelte Ritter, Experte für Digitale Innovation und Transformation im Finanzbereich, mehrere Anwendungen für den Investmentbereich – ohne klassisches Entwicklerteam, ohne Spezifikationsdokumente und ohne die üblichen Projektstrukturen.

Baukasten für die Finanzwelt

Zu den Projekten gehören ein Portfolio Prompt Builder zur strukturierten Erstellung von Investmentvorschlägen, ein Investment Decision Lab für regelbasierte Portfolio-Konstruktionen inklusive Szenarioanalysen und Monte-Carlo-Simulationen sowie eine interaktive Investor Journey, die Anleger spielerisch an Themen wie strategische Asset-Allokation, ETFs oder Markt-Timing heranführt.

Neu hinzugekommen ist zudem eine Plattform für AI Portfolio Management, Transformation Portfolio Management und AI-Governance, die Unternehmen bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen wie des europäischen AI Acts unterstützen soll. Bei diesem Projekt verfolgt Ritter kommerzielle Interessen.

Domänen-Wissen wird direkt zum System

Der entscheidende Punkt sei nicht die Funktionalität der einzelnen Anwendungen, betont Ritter. Vielmehr zeigten die Projekte, wie sich die Entwicklung wissensintensiver Systeme verändert.

«Früher wurden Prozesse beschrieben und anschliessend von Entwicklern umgesetzt. Heute können Domänen-Experten ihre Logik direkt in ausführbare Systeme übersetzen», erklärt er.

Dadurch verschwimme zunehmend die Grenze zwischen Konzept, Modell und fertiger Anwendung. Investmentprozesse würden nicht mehr lediglich dokumentiert, sondern unmittelbar operationalisiert.

Neue Rollenverteilung

Für Banken, Vermögensverwalter und Beratungsunternehmen könnten die Folgen weitreichend sein. Der Engpass verlagere sich weg von der technischen Entwicklung hin zu Fragen der Governance, Qualitätssicherung und Distribution.

«Die Fähigkeit, Wissen strukturiert zu formulieren, wird wichtiger als klassische Programmierkenntnisse», sagt Ritter.

Nach seiner Einschätzung könnten künftig Fachspezialisten aus Portfoliomanagement, Compliance oder Risikomanagement selbst digitale Werkzeuge entwickeln, ohne auf grosse Entwicklungsabteilungen angewiesen zu sein.

Der Prompt wird zum Produkt

Die Entwicklung erinnert Ritter an frühere Technologiewellen im Finanzsektor. Während Software bislang vor allem das Ergebnis langwieriger Entwicklungsprozesse gewesen sei, entstünden heute immer häufiger direkt aus fachlichen Anforderungen funktionsfähige Anwendungen.

Diese Beobachtung fasste er kürzlich in einem Essay mit dem Titel «The Prompt Is Becoming the Product» zusammen. Darin vertritt er die These, dass sich Wertschöpfung künftig weniger über Programmcode als über die Fähigkeit definiert, Wissen, Prozesse und Entscheidungslogiken präzise zu formulieren.

Für die Finanzindustrie könnte dies einen tiefgreifenden Wandel bedeuten. Denn wenn Fachwissen unmittelbar in digitale Systeme übersetzt werden kann, verändern sich nicht nur Entwicklungszyklen, sondern auch die Rollen von Banken, Vermögensverwaltern und Technologieanbietern grundlegend.