Grosses Interesse an Vincenz' Berufungsprozess
Die beiden Hauptbeschuldigten, Pierin Vincenz und Beat Stocker, waren im April 2022 vom Bezirksgericht Zürich der qualifizierten, ungetreuen Geschäftsbesorgung, des Betrugs, der Veruntreuung, der Privatbestechung und der Urkundenfälschung für schuldig befunden und zu je viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Weil jedoch die Medien nach Ansicht des Gerichts die beiden vorverurteilt hätten, reduzierte dieses die Strafen für Stocker auf vier Jahre und für Vincenz auf drei Jahre und neun Monate.
Im Fokus des Berufungsprozesses steht, ob der Betrugsvorwurf rechtlich Bestand hat. Das Obergericht muss klären, ob das Verschweigen von Beteiligungen für eine arglistige Täuschung ausreicht und ob Raiffeisen und Aduno tatsächlich ein Schaden entstanden ist.
Langer Streit
Dass das Obergericht den Fall in diesem Sommer überhaupt verhandelt, ist das Resultat eines langen juristischen Streits. Das Gericht wollte den Prozess ursprünglich gar nicht durchführen und hatte das erstinstanzliche Urteil im Februar 2024 aufgehoben.
Die 356-seitige Anklageschrift sei unnötig ausschweifend und detailliert, was eine wirksame Verteidigung erschwere, hiess es. Zudem sei die Anklage für einen französischsprachigen Mitbeschuldigten nicht komplett übersetzt worden.
Auch noch am Bundesgericht
Der Fall sollte deshalb an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen werden, damit diese eine neue Anklage verfasst. Dagegen wehrte sich die Staatsanwaltschaft jedoch erfolgreich. Das Bundesgericht entschied Anfang 2025, dass die Anklageschrift zulässig sei.
Das Gericht in Lausanne setzte das erste Urteil wieder in Kraft und wies den Fall ans Obergericht zurück. Im Frühling 2026 beantragten dann die Anwälte der Beschuldigten eine Verschiebung, weil noch Beschwerden am Bundesgericht hängig sind. Das Obergericht lehnte dies jedoch ab.
Villa zwangsversteigert
Während das juristische Verfahren andauert, gab es bei Vincenz inzwischen einige Veränderungen: Er musste mehrere seiner Immobilien verkaufen. Eine Villa im Tessiner Ort Morcote wurde für rund 4 Millionen Franken zwangsversteigert. Auch seine Villa in Niederteufen in Appenzell Ausserrhoden wurde inzwischen verkauft, der Erlös belief sich auf rund 10 Millionen Franken.
Das Verfahren vor dem Obergericht Zürich wird sich zwei Wochen hinziehen. Bis das Urteil vorliegt, vergehen voraussichtlich mehrere Monate. Trotzdem zeigten sich zum Prozessauftakt rund 100 Zuschauerinnen und Zuschauer. Aufgrund des immensen Andrangs an Journalisten wird der Prozess zudem in zwei weitere Gerichtssäle übertragen.
Ein rechtskräftiger Abschluss der gesamten Affäre ist trotz der anstehenden Verhandlung nicht in Sicht. Da ein Urteil des Obergerichts mit grosser Wahrscheinlichkeit ans Bundesgericht weitergezogen werden wird, dürfte es noch Jahre dauern, bis ein gültiges Urteil vorliegt. Bis dahin gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.














