Chris Künzle: «Das geringe Neugeld im Swiss Private Banking bereitet Sorgen»

Vordergründig geht es den Schweizer Privatbanken sehr gut. Doch bei genauerem Hinsehen lassen sich einige Schwachstellen ausmachen, wie der Schweizer Finanzexperte und Hochschuldozent Chris Künzle im Interview mit finews.ch feststellt. Seine jährliche Studie ist der beste Indikator dafür. 


Herr Künzle, Sie haben unlängst die Firma FIN21 in Zürich gegründet und organisieren mit Ihren WealthSummits zwei grosse Veranstaltungen für die Finanzbranche. Welche Absicht steckt dahinter?

Wir möchten eine Lücke schliessen, die ich in meiner Lehr- und Forschungstätigkeit immer wieder festgestellt habe: Die Finanzbranche in der Schweiz braucht praxisnahe Zahlen, Daten und Fakten – echte Benchmarks, die Banken und Vermögensverwaltern im Alltag helfen.

Durch den Trend zur Akademisierung an unseren Fachhochschulen ist diese Form der angewandten Forschung rar geworden. Hier setzen wir an und möchten – hoffentlich – einen kleinen, aber nützlichen Beitrag für die Schweizer Finanzbranche leisten.

Ihre Aktivitäten beruhen auf wissenschaftlichen Erhebungen. Wie kommen diese zustande?

Das Schweizer Private Banking ist nicht gerade für überragende Transparenz bekannt – und das ist ein Stück weit auch gut so. Für unsere «Flaggschiff-Studie» setzen wir ausschliesslich auf öffentlich verfügbare Daten von Geschäftsberichten und Handelsregistereinträgen. Wir wollen keinerlei Interpretationsspielraum und keine Wertungen, sondern eine nüchterne Marktübersicht.

«Schweizer Banken lieben Benchmarks und Ranglisten.»

Das Konsolidieren dieser Daten ist zwar zeitaufwändig, aber wissenschaftlich keine Hexerei – ich sage meinen Studierenden gerne: Mit einem Taschenrechner könnt Ihr alle Ergebnisse problemlos nachrechnen. Genau dieser objektive, quantitative Ansatz ist wohl einer der Gründe, weshalb unsere Studien in der Branche so viel Anklang finden.

Welchen Mehrwert liefern die von Ihnen erstellten Studien für die Branche?

Schweizer Banken lieben Benchmarks und Ranglisten. Viele Institute nutzen unser Zahlenmaterial und ihr eigenes Factsheet in der Studie, um sich mit ihren Peers zu vergleichen, Schwachstellen zu erkennen und Lücken zu schliessen – fast wie früher beim Quartett-Spiel mit Sportwagen, wo man anhand von Leistungsdaten gegeneinander antrat.

So durfte ich unsere Ergebnisse schon mehrfach direkt vor Verwaltungsräten präsentieren. Aber auch andere Marktteilnehmende im In- und Ausland – darunter auch viele Private-Banking-Kundinnen und -Kunden – schätzen unsere Studien als faktenbasierte und darum absolut fundierte Analysen.

Die Resultate der nächsten Studie über die Schweizer Privatbanken stellen Sie Anfang November 2025 an einem Anlass in Zürich vor. Wer ist Ihr Zielpublikum – wer kann daran teilnehmen?

Unser WealthSummit hat sich als Forum für Verwaltungsräte und C-Level-Führungskräfte bewährt – deshalb trägt er auch diesen Namen. Wir möchten das Format «klein und fein» halten und konzentrieren uns auf geladene Gäste aus dem Schweizer Private Banking.

Die Idee ist, jenseits von Medienrummel oder Kommerz einen Raum zu schaffen, in dem man sich offen über die wirklich wichtigen Themen austauschen kann.

«Zahlreiche Institute aus unserer letzten Studie sind mittlerweile verschwunden.»

Unsere begehrten Awards verleihen den Anlässen zudem einen Hauch von Glamour – und die Banken nutzen diese Auszeichnungen für ihr Marketing.

Wie präsentiert sich die Schweizer Private-Banking-Landschaft per Mitte 2025?

Wir stehen mitten in der Datenauswertung, aber erste Trends zeichnen sich ab: Die verwalteten Vermögen sind dank boomender Märkte sehr hoch, die Neugeldzuflüsse dagegen nüchtern, und die Kostenbasis bleibt herausfordernd.

Die Landschaft ist weiterhin geprägt von kleineren, spezialisierten Boutiquen – einige davon sind sehr erfolgreich, andere weniger. Gleichzeitig setzt sich die Konsolidierung fort: Zahlreiche Institute aus unserer letzten Studie sind mittlerweile verschwunden.

Und trotz Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) zeigt sich: Kundinnen und Kunden schätzen nach wie vor die Bank und die Kundenberaterinnen und -berater ihres Vertrauens. Langweilig wird es der Branche also bestimmt nicht.

Der Schweizer Finanzplatz steht im Bann der übermächtigen UBS und der Kontroverse bezüglich einer massvollen oder überbordenden Regulierung – je nach Sichtweise. Die Schweiz steht auch in einem harten Wettbewerb mit anderen Finanzzentren wie Singapur, Dubai und neuerdings auch Mailand. Wie beurteilen Sie die Perspektiven des Schweizer Finanzplatzes?

Der Schweizer Finanzplatz hat nach wie vor starke Trümpfe in der Hinterhand: den Franken als eine der sichersten Währungen weltweit, eine hohe Dienstleistungsqualität sowie mehrsprachige und vertrauenswürdige Mitarbeitende.

«Der Schweizer Finanzplatz darf sich nicht auf seinen Stärken ausruhen.»

Sorgen bereiten mir die seit Jahren eher schwachen Neugeldzuflüsse, die vor allem aus dem alten Europa stammen – einer Region ohne grosse Vermögensdynamik. Hier müssen Schweizer Banken ihr Wertversprechen für in der Schweiz gebuchte Assets klarer herausstreichen.

Die Konsolidierung dürfte sich in ähnlichem Ausmass fortsetzen: weniger Institute, mehr Zusammenschlüsse, aber kein dramatisches Bankensterben. Kurz gesagt: Unser Finanzplatz bleibt stark – darf sich aber nicht auf seinen Stärken ausruhen.

Konkret: Könnten Sie das Optimierungspotenzial noch etwas genauer ausführen?

Die Branche präsentiert sich 17 Jahre nach der Finanzkrise hochreguliert – und trägt dadurch eine hohe Kostenlast. Bei vielen Instituten beobachte ich auf Ebene Verwaltungsrat oder Geschäftsleitung eher eine Innenschau: Man arbeitet sich an neuen Finma-Rundschreiben oder an Mängeln der vergangenen bankengesetzlichen Revision ab, statt den Blick konsequenter aufs Wachstum zu richten.

Ein weiteres Dauerthema ist die IT-Landschaft: Viele Institute kämpfen mit einem regelrechten Klumpfuss, der Innovationen ausbremst. Es gibt kaum eine Strategie- oder Wachstumsdiskussion, die nicht rasch bei den Beschränkungen der IT landet.

«Ich wünschte mir mehr Mut in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, KI und beim Thema Cloud-Nutzung.»

Mehr Agilität und Flexibilität wären dringend nötig – auch wenn ich weiss, dass das von aussen leichter gesagt als getan ist.

In welchen Geschäftsfeldern muss der Schweizer Finanzplatz etwas unternehmen?

Ich wünschte mir mehr Mut in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, KI und beim Thema Cloud-Nutzung. Im Bereich Digital Assets und Krypto ist spürbar Bewegung drin – hier kann die Schweiz ihre Rolle als seriöser und regulierter Standort weiter ausbauen.

Wie weit sind die Schweizer Banken mit ihren Angeboten im Krypto-Bereich?

Seit den US-Wahlen beobachte ich eine gewisse Normalisierung von Krypto als Anlageklasse. Für immer mehr Wealth-Management-Banken ist es inzwischen wichtig, ein entsprechendes Angebot zu haben. Selbst Häuser, die dem Thema bisher eher zurückhaltend gegenüberstanden, arbeiten hinter den Kulissen wahrscheinlich an Lösungen.

Die Kundennachfrage, gerade im (U)HNWI-Bereich, ist gross. Krypto ist gekommen, um zu bleiben – die spannende Frage für Schweizer Banken ist nur, in welcher Form.

Zurück zu Ihrer Webseite: In deren Navigation finden sich auch zwei Rubriken zu Asien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Was verbirgt sich dahinter?

Auch in Singapur, Hongkong, den Vereinigten Arabischen Emiraten und übrigens auch in Italien gibt es spürbares Interesse an marktnaher Forschung und entsprechenden Foren. Ich möchte nichts vorschnell versprechen, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass unsere Formate dort Anklang finden.

Ihre Private-Banking-Studie erscheint im November anlässlich der Veranstaltung in Zürich; gefolgt von einem ähnlichen Setting im März 2026 für unabhängige Vermögensverwalter – ebenfalls in Zürich. Warum steht diese Berufsgruppe ebenfalls in Ihrem Fokus?

Die Branche der unabhängigen Vermögensverwalter ist zahlen- und faktenmässig noch wenig erforscht – dabei spielt sie für unseren Finanzplatz eine zentrale Rolle.

«Deshalb lancieren wir eine grossangelegte Studie über unabhängige Vermögensverwalter.»

Gemeinsam mit Aquila, der grössten Schweizer Plattform für unabhängige Vermögensverwalter, lancieren wir deshalb eine grossangelegte Studie für und über diese Berufsgruppe.

Die Ergebnisse werden wir an einem exklusiven Event vorstellen – als Forum für die inzwischen weit über 1'000 lizenzierten Vermögensverwalter in der Schweiz. Sie sind eine tragende Säule unseres Wealth-Management-Standorts und prägen die Schweiz seit jeher.


Chris Künzle ist Unternehmer, Dozent und Autor. Mit den WealthSummits organisiert und leitet er exklusive Konferenzen, die sich als Referenz für Verwaltungsräte und Top-Management der Branche etabliert haben. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche im In- und Ausland tätig. Er hat an der Universität St. Gallen (HSG) in Rechtswissenschaften promoviert, Betriebswirtschaft abgeschlossen und ist CFA Charterholder.

Der diesjährige WealthSummit findet am 6. November im Zunfthaus zur Meisen in Zürich statt – exklusiv für geladene Gäste und mit finews.ch als Medienpartner. Am darauffolgenden Tag erscheint die neue Schweizer Wealth-Management-Studie. Präsentiert werden die Konferenz und die Studie von Olympic Banking System (ERI) und unterstützt von renommierten Sponsoren wie Deloitte, Henley & Partners, Invesco, Schellenberg Wittmer, Stellar Executive Search sowie von CFRA Research, Finfox, iFinity und unblu.