Julius Bär mit Rekordgewinn – doch eine wichtige Baustelle bleibt
Die Bewährungsprobe ist für CEO Stefan Bollinger und seine neue Führungscrew fürs Erste bestanden. Julius Bär hat im ersten Halbjahr 2026 einen Konzerngewinn von 673 Millionen Franken erzielt – so viel wie noch nie in einem Halbjahr. Gegenüber den 295 Millionen Franken der Vorjahresperiode entspricht dies einem Anstieg von 128 Prozent. Dies geht aus den am Dienstag veröffentlichten Zahlen hervor.
Dieser Vergleich wird allerdings durch hohe Kreditverluste und Sondereffekte im Vorjahr stark begünstigt. Aussagekräftiger ist deshalb der Blick auf den bereinigten Gewinn: Dieser stieg gegenüber dem zugrunde liegenden Vorjahresergebnis um 32 Prozent von 511 auf ebenfalls 673 Millionen Franken.
Damit kann CEO Stefan Bollinger nach dem schwierigen Übergangsjahr 2025 einen wichtigen Erfolg verbuchen. «Insgesamt haben wir im ersten Halbjahr 2026 eine starke operative Leistung erzielt und konnten einen Konzerngewinn auf Rekordniveau ausweisen», wird Bollinger in der Mitteilung zitiert.
Verwaltete Vermögen auf Rekordhoch
Unterstützt wurde das Ergebnis von steigenden Märkten, Währungseffekten und einer hohen Kundenaktivität. Die verwalteten Vermögen erreichten per Ende Juni einen Rekordwert von 547 Milliarden Franken. Das sind 26 Milliarden Franken oder 5 Prozent mehr als Ende 2025.
Zusammen mit den Custody-Vermögen von 102 Milliarden Franken betreute Julius Bär damit Kundenvermögen von insgesamt 649 Milliarden Franken – ebenfalls ein neuer Höchststand.
Hohe Kundenaktivität
Auch die Ertragskraft der Bank entwickelte sich positiv. Der Betriebsertrag stieg auf 2,28 Milliarden Franken. Die Bruttomarge erreichte 87 Basispunkte, gegenüber zugrunde liegend 83 Basispunkten im ersten Halbjahr 2025.
Dabei profitierte Julius Bär insbesondere im ersten Quartal von einer aussergewöhnlich hohen Kundenaktivität. Das Geschäft mit Devisen, Edelmetallen und strukturierten Produkten entwickelte sich in den ersten drei Monaten besonders stark. Danach normalisierte sich die Aktivität mit den Marktbedingungen wieder.
Neugeld bleibt die entscheidende Baustelle
Weniger dynamisch fällt dagegen eine Kennzahl aus, die für Bollingers Wachstumsstrategie von zentraler Bedeutung ist: das Netto-Neugeld.
Julius Bär zog im ersten Halbjahr netto 5,7 Milliarden Franken an. Dies entspricht einer annualisierten Wachstumsrate von lediglich 2,2 Prozent. Damit liegt die Bank weiterhin deutlich unter ihrem mittelfristigen Ziel von 4 bis 5 Prozent.
Bereits bei der Präsentation der Vier-Monats-Zahlen hatte sich dies als einer der entscheidenden Punkte für die weitere Entwicklung abgezeichnet. Damals belief sich das Netto-Neugeld auf 3 Milliarden Franken.
Ziel von 4 bis 5 Prozent
Immerhin deutet die Entwicklung der vergangenen beiden Monate auf eine gewisse Beschleunigung hin. Zudem verzeichneten laut Julius Bär alle Regionen Nettozuflüsse. Besonders stark entwickelten sich die sogenannten Western Markets, zu denen auch die Schweiz gehört.
Die Bank hält trotz des verhaltenen Tempos an ihrem Ziel fest, bis 2028 ein jährliches Netto-Neugeldwachstum von 4 bis 5 Prozent zu erreichen.
Compliance-Umbau bremst noch länger
Ein Grund für die bislang schwächeren Zuflüsse ist ausgerechnet jener Umbau, der Julius Bär nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre sicherer machen soll.
Die laufende Implementierung des überarbeiteten Risiko- und Compliance-Rahmens beeinträchtigt laut der Bank die Neugeldentwicklung weiterhin. Und dieser Gegenwind dürfte nicht so schnell verschwinden: Julius Bär rechnet damit, dass die Auswirkungen bis ins Jahr 2027 anhalten werden.
Wieder mehr Releveraging der Kunden
Damit zeigt sich ein zentrales Spannungsfeld der neuen Strategie unter Bollinger: Die Bank will das organische Wachstum beschleunigen, muss gleichzeitig aber strengere Risiko- und Compliance-Standards durchsetzen.
Positiv ist in diesem Zusammenhang, dass sich das Releveraging der Kunden gegen Ende des Berichtszeitraums wieder fortgesetzt hat, nachdem dieser Trend in den ersten vier Monaten des Jahres unterbrochen worden war.
Deutlich profitabler
Fortschritte machte Julius Bär insbesondere bei der operativen Effizienz.
Die adjustierte Cost/Income Ratio verbesserte sich von zugrundeliegenden 68,2 Prozent im Vorjahreszeitraum auf 62,6 Prozent. Der Geschäftsaufwand erhöhte sich lediglich um 2 Prozent, während die Erträge deutlich stärker zulegten.
Die Bank verfolgt das Ziel, bis 2028 Bruttoeffizienzsteigerungen von 130 Millionen Franken zu realisieren. Im ersten Halbjahr wurden daraus Nettokosteneinsparungen von 11 Millionen Franken erzielt, denen Umsetzungskosten von 7 Millionen Franken gegenüberstanden.
Mehr Abgänge als Zugänge bei den Kundenberatern
Auffällig ist die Entwicklung bei den Kundenberatern. Julius Bär stellte im ersten Halbjahr zwar 50 Relationship Manager neu ein, gleichzeitig verliessen jedoch 64 die Bank. Unter dem Strich sank deren Zahl um 14 auf 1’247 Vollzeitstellen.
Ein erheblicher Teil der Abgänge sei auf laufende Performance-Management-Massnahmen zurückzuführen, schreibt die Bank.
Gleichzeitig stiegen die durchschnittlich verwalteten Vermögen pro Kundenberater seit Jahresbeginn um 6 Prozent auf 438 Millionen Franken.
Altlasten verlieren an Bedeutung
Auch auf der Risikoseite zeigt sich eine deutliche Normalisierung. Die Nettokreditverluste gingen von 130 Millionen Franken im Vorjahreszeitraum auf 23 Millionen Franken zurück.
Die hohen Kreditverluste hatten das Ergebnis im ersten Halbjahr 2025 erheblich belastet. Sie standen im Zusammenhang mit ausgewählten Engagements in den Hypotheken- und Private-Debt-Kreditportfolios.
Die Entwicklung ist vor dem Hintergrund der Aufarbeitung der früheren Risikoprobleme von Julius Bär von besonderer Bedeutung. Nach dem Signa-Debakel hatte die Bank ihr Kredit- und Risikomanagement grundlegend auf den Prüfstand gestellt.
Kapitalpolster wächst
Auch die Kapitalausstattung hat sich weiter verbessert. Die harte Kernkapitalquote CET1 stieg von 17,4 Prozent Ende 2025 auf 18,5 Prozent per Ende Juni. Damit verfügt Julius Bär über einen deutlichen Puffer gegenüber den regulatorischen Mindestanforderungen.
Die Liquiditätsdeckungsquote erhöhte sich gleichzeitig von 261 auf 344 Prozent.
Die Kredite stiegen um 5 Prozent auf 44,4 Milliarden Franken. Besonders die Lombardkredite legten mit einem Plus von 7 Prozent auf 36,2 Milliarden Franken zu, während die Hypothekarkredite um 2 Prozent auf 8,1 Milliarden Franken zurückgingen.
Bollinger bestätigt die Ziele
Für CEO Stefan Bollinger sind die Halbjahreszahlen ein wichtiger Etappensieg. «Die heutigen Ergebnisse stellen einen soliden Start in unseren neuen dreijährigen Strategiezyklus dar», sagt er.
Julius Bär bestätigt denn auch seine Mittelfristziele.
Die entscheidende Frage verschiebt sich damit zunehmend von der Stabilisierung zur Wachstumsfähigkeit. Bei Gewinn, Profitabilität, Kapital und verwalteten Vermögen hat Julius Bär im ersten Halbjahr überzeugende Fortschritte erzielt.
Wann ist der Turnaround nachhaltig?
Der schwierigere Teil von Bollingers Strategie steht jedoch noch bevor: Die Bank muss beweisen, dass sie trotz verschärfter Risiko- und Compliance-Vorgaben wieder dauerhaft genügend Neugeld anziehen kann.
Denn erst wenn sich das Neugeldwachstum in Richtung der angestrebten 4 bis 5 Prozent bewegt, lässt sich beurteilen, ob aus dem starken ersten Halbjahr tatsächlich ein nachhaltiger Turnaround geworden ist.















