Alpian-CEO: «Wir haben den Plan und das Kapital»

Herr Bonaita, Sie kommen aus dem Consulting für die Finanzindustrie. Wie entstand die Idee, mit Alpian eine neue Bank zu gründen? Banken sind ja eher im Verschwinden als im Entstehen begriffen...

Eine gute Frage, die man mir auch schon gestellt hat: Warum brauchte es ausgerechnet in der Schweiz eine weitere Bank (lacht)? Gegründet wurde die Firma im Oktober 2019. Der Denkprozess hatte aber früher begonnen, bei REYL als Inkubator-Bank. Die entscheidende Beobachtung: Hochwertige Bankdienstleistungen sind gefragt, aber der Zugang ist schwieriger geworden – gerade auch in der Schweiz.

Wie sahen die Überlegungen vor der Gründung aus?

Zwischen 2017 und 2019 haben wir das Konzept in einen Businessplan übersetzt. Dabei führte die Recherche uns zu einem Segment, das die Branche Affluent nennt. Wir beschreiben es lieber als Menschen, die ab irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben etwas auf der Seite haben und sich fragen, was sie damit tun sollen, darauf aber selten eine Antwort erhalten. Je nach Studie sind das 30 bis 40 Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung. Für sie ist das traditionelle Private Banking nicht zugänglich. Es steht zwar nirgends geschrieben, doch unterhalb einer Million an Gesamtvermögen ist man am ganz unteren Rand. Und doch muss man sich um sein Geld kümmern.

Wie lange dauerte es von der ersten Eingabe bis zur Bewilligung?

Rund 24 Monate. Wir reichten unsere Unterlagen Anfang April 2020 ein. Die vollumfängliche Lizenz hatten wir Ende Mai 2022. Parallel dazu bauten wir die Bank auf: Technologie, Prozesse, Organisation.

Kann man sagen, Alpian sei als digitale Sandbox der Privatbank REYL entstanden?

Ich sehe das anders. REYL richtete sich an vermögende und sehr vermögende Kunden, überwiegend internationale. Wir konzentrierten uns auf das Affluent-Segment. Zwar wurden wir intern konzipiert, dann aber aus REYL herausgelöst, weil das Geschäftsmodell ein anderes war und wir mehr Spielraum für Technologie und Infrastruktur brauchten. Als Einheit innerhalb der bestehenden Bank wäre es schwierig gewesen, ein durchgängiges Leistungsversprechen zu entwickeln. Aber wir haben viel von dort mitgenommen, insbesondere das Angebot und die Erfahrung in der Vermögensverwaltung. Anders als bei unserer Inkubator-Bank ist das Alltagsbanking bei uns aber weit präsenter,  ebenso die Technologie mit unserer Mobile App.

«Kunden müssen autonom handeln können, um zwei Uhr nachts oder um fünf Uhr nachmittags, mit allen Informationen, die sie brauchen – trotzdem aber immer eine Person erreichen können.»

Welches ist Ihr Kernbankensystem?

Temenos. Wir haben zudem immer stark in die eigene Technologie investiert. Knapp die Hälfte unserer Angestellten sind Softwareingenieure. Wir haben eine Plattform gebaut, die verschiedene Drittanbieter integriert. Das ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im Markt und Teil der DNA der Bank.

Welches waren neben der Banklizenz die weiteren Bausteine für Alpian?

Zwei weitere möchte ich erwähnen. Der erste ist die Rolle des Menschen. Im Jahr 2019, man erinnere sich, befanden wir uns in der Zeit vor Corona, und schon damals sagten wir: Obwohl wir Mobile-only sind, wollen wir Experten haben, die für die Vermögens- und Finanzfragen der Kunden ansprechbar sind. Diese Themen sind emotional und können komplex sein. Das heisst nicht, dass Kunden für jede einzelne Handlung mit einer Person sprechen wollen. Sie müssen auch autonom handeln können, um zwei Uhr nachts oder um fünf Uhr nachmittags, mit allen Informationen, die sie brauchen – trotzdem aber immer eine Person erreichen können. Für uns waren das von Anfang an Fachleute, welche die Hauptsprachen der Schweiz plus Englisch sprechen.

Und der zweite?

Ein Angebot, das Vermögensverwaltung und Alltagsbanking gleichzeitig abdeckt. Das Alltagsbanking nutzen unsere Affluent-Kunden täglich, sie kennen es am besten. Unsere Vermögensverwaltung deckt Bedürfnisse ab, auf die es oftmals noch keine Antwort gab.

Wie hat sich das Angebot seit dem Markteintritt entwickelt?

Wir haben daran gearbeitet, die primäre Bankbeziehung unserer Kunden zu werden. Deshalb haben wir ins Alltagsbanking investiert, um alle täglichen Dienstleistungen anzubieten, die eine Schweizer Bank braucht; abgeschlossen wird das mit der Lancierung von Twint Anfang Dezember 2026. In der Vermögensverwaltung starteten wir mit einem Verwaltungsmandat ab 30'000 Franken, dann kam ein Beratungsangebot ab 10'000 Franken, später ein ETF-Sparplan als weiteres Verwaltungsmandat ab 2'000 Franken. In den vergangenen zwölf Monaten sind wir in den Vorsorgemarkt eingestiegen, zunächst mit der Säule 3a.

«Wir mussten der Gruppe Intesa Sanpaolo zeigen, dass unser Leistungsversprechen einen Wert hat und im Markt Anklang findet.»

Seit diesem Sommer haben wir das Angebot um Freizügigkeitsleistungen erweitert. Unser Anspruch war immer, sowohl die Hauptbank unserer Kunden zu sein als auch ihre Bank für die Finanzberatung. Die Vorsorgeprodukte sind ein wichtiger Baustein dieses Angebots. Eine der einfachsten und wichtigsten Fragen bleibt üblicherweise unbeantwortet: Wie viel Geld werde ich bei der Pensionierung haben? Wir wollen nicht nur die Bank sein, bei der Sie Ihren Lohn erhalten, Ihre Rechnungen zahlen und Ihr 3a-Guthaben halten. Wir wollen Ihnen helfen, Ihre finanzielle Situation als Ganzes zu verstehen und sich auf Ihre Ziele vorzubereiten.

Vorerst haben Sie nur Kunden mit Schweizer Domizil?

Natürliche Personen, die in der Schweiz Steuern zahlen. Firmenkunden bedienen wir nicht.

Ist die Internationalisierung ein Thema?

Wir sind noch in der Prüfphase, aber letztlich ja: Wir wollen unsere Bankplattform für Personen öffnen, die nicht in der Schweiz steuerpflichtig sind.

Nachdem REYL an Intesa Sanpaolo verkauft worden war: Liess sich der neue Aktionär leicht davon überzeugen, Alpian weiterzuführen?

Wir mussten der Gruppe aufzeigen, dass unser Leistungsversprechen einen Wert hat und im Markt Anklang findet. Gleichzeitig hat Fideuram als Vermögensverwaltungs- und Private-Banking-Division von Intesa Sanpaolo das digitale Wealth Management zur Priorität erhoben. Und zwar sowohl im vorherigen Businessplan wie im aktuellen für 2026 bis 2029. Nach der ersten Investition von Fideuram in Alpian haben wir ein gemeinsames Projekt gestartet und aus unserer eigenen Erfahrung heraus Anwendungsfälle für digitales Wealth Management entwickelt. Es ist eine B2B-Linie mit rund 35 Mitarbeitern, zuerst für Italien, dann für Luxemburg und Belgien, wo sie Ende letzten Jahres live ging. Das Bedürfnis war also gegenseitig.

Was liefern Sie Fideuram konkret? Technologie, Nutzererlebnis, Anlage-Know-how im Affluent-Segment?

Nutzererlebnis, Produkt- und Technologieentwicklung, meist für Mobile Journeys. In Italien haben wir das digitale Onboarding über die App gebaut sowie CRM-Funktionen für die Front-Office-Teams der Direct Bank Unit. Luxemburg und Belgien sind umfassender: Dort haben wir die Mobile App entwickelt und die Technologie rund um Onboarding, Anlage und Fernberatung. Das ist keine Banktätigkeit, wir entwickeln Technologie, Lösungen und Produkte. Als Bank ist Alpian nur im Schweizer Markt präsent.


Lesen Sie auf der nächsten Seite: wie Gianmarco Bonaita den Vorstoss von Revolut in Richtung Schweizer Banklizenz einschätzt – und was Alpians Mehrheitsaktionär beim Finanzergebnis erwartet.