Zölle und geopolitische Risiken: Was die Schweiz jetzt braucht

Die jüngsten US-Zölle auf Schweizer Exporte zeigen, wie exponiert ein offener Wirtschaftsstandort in Zeiten wachsender Unsicherheit ist. Reflexartige Gegenmassnahmen wären jedoch der falsche Weg, schreibt Daniel Gentsch, Chairman bei EY Schweiz, in seinem Beitrag für finews.first. Gefragt seien Widerstandskraft, strategische Offenheit und ein klarer, innenpolitisch abgestimmter Blick auf die bewährten Standortvorteile der Schweiz.


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Geopolitische Spannungen und handelspolitische Unsicherheiten sind längst kein fernes Hintergrundrauschen mehr. Für Schweizer Unternehmen sind sie ein realer Faktor bei Investitionen und strategischen Entscheidungen. Gemäss einer Studie von EY haben rund 70 Prozent der Unternehmen in der Schweiz Investitionen aufgrund geo- und handelspolitischer Unsicherheiten gestoppt oder verschoben.

Besonders schmerzhaft wirken die jüngsten Massnahmen der USA: Zölle von bis zu 39 Prozent auf Schweizer Exporte stellen viele Unternehmen mit Absatzmärkten in den Vereinigten Staaten vor strukturelle Herausforderungen. Globale Lieferketten lassen sich nicht kurzfristig neu ausrichten – umso wichtiger ist ein besonnener, langfristiger Umgang mit diesen Risiken.

Zölle als Symptom einer grösseren Unsicherheit

Die Handelspolitik aus Washington ist nur ein Beispiel dafür, wie geopolitische Spannungen unmittelbar in die strategische Realität von Unternehmen eingreifen. Auch im M&A-Bereich zeigt sich diese Unsicherheit: Fast die Hälfte der Schweizer Unternehmen plant in den kommenden zwölf Monaten eine Fusion oder Übernahme, doch Transaktionen mit US-Bezug werden heute deutlich vorsichtiger geprüft. Bewertungsunsicherheiten, regulatorische Vorgaben und mögliche Zollbelastungen fliessen intensiver in die Entscheidungsprozesse ein.

«Der Wirtschaftsstandort Schweiz bleibt trotz aller Risiken attraktiv.»

Dabei gilt es, den Blick zu weiten. Der Wirtschaftsstandort Schweiz bleibt trotz aller Risiken attraktiv – das zeigen nicht zuletzt die deutlich gestiegenen ausländischen Investitionen, allen voran aus den USA. Die aktuellen Entwicklungen im globalen Freihandel und auch die viel diskutierten Zölle gefährden aber diese Positionierung. Trotzdem gilt: Rechtssicherheit, Innovationskraft und ein liberales, verlässliches Rechtssystem sind Standortvorteile, die gerade in unsicheren Zeiten Gewicht haben. Diese Stärken gilt es zu sichern und auszubauen.

Resilienz statt reflexartiger Reaktionen

Die Versuchung ist gross, auf protektionistische Massnahmen anderer Länder mit eigenen Gegenmassnahmen zu reagieren. Doch ein überhasteter Ausstieg aus internationalen Regelwerken oder reflexartige Vergeltungszölle würden langfristig mehr schaden als nutzen. Stattdessen braucht es resiliente Strukturen und flexible Szenarien, die Unternehmen wie auch die Standortpolitik befähigen, sich an wechselnde Rahmenbedingungen anzupassen.

«Für die Politik und die Verwaltung heisst es, den Dialog mit der Wirtschaft zu intensivieren.»

Für Unternehmen bedeutet das, geopolitische Risiken systematisch in die strategische Planung einzubeziehen, Lieferketten auf Robustheit zu prüfen und Handlungsoptionen für unterschiedliche Entwicklungspfade vorzubereiten. Szenarioanalysen, Sensitivitätsmodelle und eine vorausschauende Risikoabwägung gehören heute ebenso in den Werkzeugkasten wie ein engerer Austausch mit Politik und Verbänden.

Standortvorteile gezielt ausbauen

Für die Politik und die Verwaltung heisst es, den Dialog mit der Wirtschaft zu intensivieren und gleichzeitig die Standortvorteile der Schweiz gezielt auszubauen, etwa durch schlanke Regulierung, wirtschaftliche Freiheit und den Schutz geistigen Eigentums. Besonders die Gewährleistung einer sicheren und wettbewerbsfähigen Energieversorgung, aber auch Fortschritte bei Digitalisierung und beschleunigten Genehmigungsprozessen sind entscheidend, damit die Schweiz im globalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen gerät.

«Zölle sind auch ein Prüfstein für die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen und Politik.»

Die Schweiz ist ein kleines, aber stark vernetztes Land. Gerade deshalb muss sie ihre Offenheit bewahren und klug mit Druck von aussen umgehen. Zölle sind nicht nur eine ökonomische Belastung, sondern auch ein Prüfstein für die strategische Widerstandsfähigkeit von Unternehmen und Politik.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Herausforderungen nicht nur von aussen kommen. Auch innenpolitisch braucht es wieder mehr wirtschaftspolitisches Verständnis in der breiten Bevölkerung. Ohne diese Grundlage lassen sich zentrale Initiativen zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts weder politisch noch gesellschaftlich wirksam umsetzen. Politik und Wirtschaft sind gefordert, den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Stärke und gesellschaftlichem Wohlstand wieder überzeugend zu vermitteln.

Damit Standortpolitik wirkt, muss sie nicht nur international anschlussfähig, sondern auch innenpolitisch mehrheitsfähig sein. Nur durch strategische Stabilität und Besonnenheit lässt sich die Attraktivität des Standorts Schweiz auch in geopolitisch herausfordernden Zeiten bewahren. 


Daniel Gentsch trat 1998 in die Steuerberatung von EY ein und wurde 2009 Partner in Zürich. Von 2016 bis 2022 leitete er den Bereich Tax & Legal bei EY Schweiz und gehörte der Geschäftsleitung an. Seit dem 1. April 2025 ist er Verwaltungsratspräsident der Ernst & Young AG in der Schweiz. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Beratung von Unternehmen bei komplexen Transaktionen.