Wie die Institutionalisierung die Hedge-Funds-Industrie verändert hat

Wer heute den Boom der Private Markets verfolgt und die Finanzmärkte schon etwas länger kennt, fühlt sich unweigerlich an die goldene Zeit der Hedge-Funds-Industrie vor der globalen Finanzkrise 2008 erinnert.

Wie damals versprechen die Anbieter die «Demokratisierung» einer attraktiven Anlageklasse mit überlegener Performance, tiefer Korrelation und entsprechender Diversifikation zu traditionellen Assets, indem sie auch Privatinvestoren über entsprechende Gefässe den Zugang dazu eröffnen. Solche Gefässe schiessen – wie seinerzeit die Funds of Hedge Funds – wie Pilze aus dem Boden und werden natürlich von den «besten Talenten» gemanagt.

«Demokratisierung» und starkes Wachstum einer Anlageklasse

Wie damals weckt auch heute das starke Wachstum des nicht besonders transparenten Markts Bedenken, etwa wenn einige Investoren realisieren, dass die Liquidität von Private-Debt-Vehikel beschränkt und ihre Mittel länger gebunden sind, als ihnen eigentlich lieb wäre.

Für die mit dem Boom gestiegene Aufmerksamkeit der Regulatoren mit Blick auf allfällige Risiken für die Finanzstabilität findet sich ebenfalls eine Parallele. Der Grund für die erste Rettungsaktion der US-Notenbank in der jüngeren Finanzmarktgeschichte war nämlich nicht eine Bank, sondern LTCM. Der von Nobelpreisträgern geführte Hedge Fund wurde 1998 in einer von der Fed konzertierten Aktion von US-Banken gestützt, um das Risiko einer Destabilisierung des Finanzsystems abzuwenden. Dies führte auch zu einer kritischen Wahrnehmung der Sparte in der Öffentlichkeit.

Jahrzehntelanges Hedge-Fund-Knowhow

Das ist lange her, und die im Schatten der Private Markets stehende Hedge-Funds-Industrie ist in den letzten Jahren aus den Schlagzeilen geraten. finews wollte in Erfahrung bringen, wie das Geschäft heute funktioniert und hat sich dafür mit Chris Perret und Luca Michienzi, Head of Diversifying Strategies bzw. Head of Wealth and Family Offices (Deutschschweiz) von Wellington Management getroffen. Perret ist seit 16 Jahren beim Asset Manager, zuerst im Bereich Fixed Income und seit 2019 exklusiv für Hedge Funds. Michienzi stiess 2017 von UBS Asset Management dazu.

Wellington bedient ausschliesslich institutionelle Kunden und Finanzintermediäre und ist seit 30 Jahren im Hedge-Funds-Bereich aktiv. Mit mehr als 40 Mrd. Dollar an direkt verwalteten Vermögenswerten zählt der Asset Manager zu den 15 grössten Hedge-Funds-Gesellschaften der Welt.

Die Investmentteams verfolgen über 40 verschiedene Strategien in den Stilrichtungen Long/Short Equities, Macro & Fixed Income und Credits. Darauf beziehen sich auch die zwei wichtigsten Produkte, zwei Multi-Strategy-Fonds. Der Vermögensverwalter von der US-Ostküste, der vor bald 100 Jahren gegründet wurde und seinen 180 Partnern gehört, hat auch hier einen langen Atem. Die 1994 lancierte Long/Short-Strategie auf Aktien aus dem Finanzsektor ist immer noch im Angebot.

«Die früher üblichen Funds-of-Hedge-Funds-Strukturen sind praktisch verschwunden, zugunsten von Multi-Strategy-Gefässen.»

«Ja, die Branche hat sich seit der Finanzkrise stark gewandelt», bestätigt Perret. Es habe eine starke Institutionalisierung und Standardisierung stattgefunden. Dadurch habe sich die Transparenz markant erhöht, z.B. mit monatlichen Berichten. Reduziert haben sich dafür die früher oft exorbitanten Gebühren. «Das liegt auch daran, dass die früher üblichen Funds-of-Hedge-Funds-Strukturen praktisch verschwunden sind, zugunsten von Multi-Strategy-Gefässen. Funds of Funds erwiesen sich als nicht effizient, u.a. weil sie zu lange brauchten, um auf neue Entwicklungen zu reagieren.»

Hinter der Konsolidierung nach der Finanzkrise steckten mehrere Treiber: Die Krise hatte offengelegt, dass einige Manager mit Krediten bloss die Marktperformance hebelten oder sogar betrügerisch unterwegs waren. Das Versprechen, dass Hedge Funds nur eine schwache Korrelation zu traditionellen Assets aufweisen, erwies sich als hohl. Auch der Sturzflug der Zinsen entlarvte etliche Geschäftsmodelle als nicht allwettertauglich.

«In der Folge sind viele Anbieter verschwunden, Mittel wurden abgezogen oder zu den Hedge Funds umgeschichtet, die ihrem Anspruch in der Krise tatsächlich gerecht wurden», erinnert sich Perret. Die Anforderungen an das Risikomanagement und die Transparenz hätten markant zugenommen.

«Früher standen die Investoren bei gewissen Managern Schlange, viel Geld jagte wenigen Anlagemöglichkeiten hinterher. Heute ist das umgekehrt.»

Die Institutionalisierung hat auch dazu geführt, dass die Eintrittsbarrieren für Investoren heute markant höher liegen als früher. Michienzi spricht aus eigener Erfahrung: «Es ist ein ziemlich anspruchsvolles und längeres Projekt, sowohl für die Anleger wie auch für uns als Manager, bis wir mit dem Verwalten der Vermögenswerte beginnen können.» Dafür verstehen die Anleger besser, worin sie investieren, können also das Ziel und das Risiko der verschiedenen Strategie nachvollziehen. Perret ergänzt: «Früher standen die Investoren bei gewissen Managern Schlange, viel Geld jagte wenigen Anlagemöglichkeiten hinterher. Heute ist das genau umgekehrt.»

Aus Sicht von Michienzi war 2022 ein Wendepunkt für die Branche: In diesem Jahr mussten Anleger sowohl auf Aktien als auch auf Obligationen herbe Verluste hinnehmen. «Viele Hedge Funds lieferten damals eine anständige, positive Performance. Seither hat das Interesse an dem Instrument wieder deutlich zugenommen, auch hierzulande, die Reputation hat sich verbessert.» Die Schweiz habe für die Branche bereits früher eine wichtige Rolle gespielt, z.B. als Hub für die Funds of Funds.

«Viele Hedge Funds lieferten 2022 eine positive Performance. Seither nimmt das Interesse hierzulande wieder zu.»

Perret weist auf einen weiteren wichtigen Punkt hin. «Hedge Funds haben in den letzten Jahren bewiesen, dass das Konzept funktioniert. Sie liefern dem Investor eine relativ hohe absolute Rendite, ohne die Volatilität des Gesamtportefeuilles zu erhöhen.»

Verändert hat sich auch die Stellung der «Talente», also der Hedge-Funds-Manager. Gemäss Perret haben sich viele der vorher selbständigen Hedge-Funds-Manager im Zuge der Institutionalisierung grösseren Akteuren angeschlossen. «Sie können dort weiter eigenständig agieren, sind aber in die Struktur der Bank oder des Asset Managers eingebettet.

Heute wie damals: «War for Talents»

Wellington hat diesen Trend schon früh erkannt. «25 Jahre lang haben wir Talente v.a. intern nachgezogen, doch seither haben wir uns geöffnet und rekrutieren auch extern», hält Perret fest. Immerhin eines hat sich nicht geändert: Er spricht vom «Kampf um die Talente» (War for Talents), ein Begriff, den die Branchenvertreter bereits vor 30 Jahren gerne verwendeten.

Ein anderer Trend ist, dass die ganz grossen institutionellen Anleger beginnen, eigene Multi-Hedge-Funds-Plattformen zu bauen. Perret sieht das nicht als Gefahr, im Gegenteil. «Wir können ihnen dabei mit unserem Knowhow behilflich sein.»

«Die Performance der passiven Produkte ist ziemlich mässig.»

Für passives Anlegen (bei dem keine bzw. andere Talente gefragt sind), hat Perret wenig übrig. «Die Performance der entsprechenden Produkte ist ziemlich mässig; unser Anspruch ist, nach Gebühren für die Kunden einen deutlich höheren Ertrag herauszuholen.»

Und wie steht es um die Beziehung zu Private Markets? «Wir spüren, dass in jüngster Zeit das Interesse von Investoren wächst, die von Private Equity etwas frustriert sind, weil sich dort der Ausstieg schon lange schwierig gestaltet», sagt Perret, der zugleich betont, dass seine Hedge Funds nur in liquide Assets und damit nicht in Private Markets investieren dürfen. Letztlich sei es aber Sache des Kunden, in welchem Markt er engagiert sein wolle – schliesslich hat Wellington beides im Angebot.