SpaceX stellt Baillie Gifford vor ein Luxusproblem

Erfolgreiche Investments gehören zum Kerngeschäft eines Asset Managers. Doch was geschieht, wenn ein einzelner Titel so stark an Wert gewinnt, dass er beginnt, die Struktur eines ganzen Portfolios zu dominieren?

Genau vor dieser Situation steht Baillie Gifford mit dem Scottish Mortgage Investment Trust. Per Ende Juli entfielen 18,1 Prozent der gesamten Vermögenswerte auf Space Exploration Technologies, besser bekannt als SpaceX. Damit ist der Raumfahrt- und Satellitenkonzern mit Abstand die wichtigste Position des Portfolios. TSMC folgt mit 6,9 Prozent, Nvidia mit 5,5 Prozent.

Bei einem Gesamtvermögen von 16,66 Milliarden Pfund entspricht die SpaceX-Position rechnerisch einem Wert von rund 3 Milliarden Pfund.

Das 20-Fache des eingesetzten Kapitals

Wie aussergewöhnlich die Entwicklung ist, zeigt ein Blick zurück. Scottish Mortgage investierte erstmals im Dezember 2018 in SpaceX und baute die Beteiligung bis August 2021 aus. Insgesamt investierte der Trust 151 Millionen Pfund beziehungsweise rund 200 Millionen Dollar in das Unternehmen. Seit fünf Jahren wurde kein zusätzliches Kapital mehr investiert.

Per Ende März 2026 wurde die Beteiligung bereits mit 2,98 Milliarden Pfund beziehungsweise 3,94 Milliarden Dollar bewertet. Das entspricht annähernd dem 20-fachen des ursprünglich eingesetzten Kapitals. 

SpaceX war zu diesem Zeitpunkt zudem der grösste Renditebeitrag des Trusts über ein, drei und fünf Jahre. 

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Für Baillie Gifford ist die Entwicklung zunächst eine eindrucksvolle Bestätigung seiner Investmentphilosophie. Der schottische Asset Manager ist dafür bekannt, frühzeitig auf Unternehmen mit hohem langfristigem Wachstumspotenzial zu setzen und diese über viele Jahre zu halten.

Doch genau dieser Erfolg schafft nun ein Problem.

Erfolg wird zum Konzentrationsrisiko

Ein einzelnes Unternehmen macht mittlerweile fast ein Fünftel des Scottish-Mortgage-Portfolios aus. Die zehn grössten Beteiligungen kommen zusammen auf 53,5 Prozent.

Zeitweise war die Konzentration sogar noch deutlich höher. Nach dem Börsengang von SpaceX am 12. Juni an der Nasdaq und dem Kursanstieg am ersten Handelstag machte die Beteiligung rund 25 Prozent des gesamten Scottish-Mortgage-Portfolios aus.

Eine solche Gewichtung ist selbst für einen Investment Trust ungewöhnlich, der bewusst auf eine vergleichsweise kleine Zahl aussergewöhnlicher Wachstumsunternehmen setzt.

Scottish-Mortgage-Manager Tom Slater machte denn auch an der Generalversammlung in Edinburgh deutlich, dass Handlungsbedarf besteht. Es sei in der Geschichte des Trusts ungewöhnlich, eine derart konzentrierte Position in einer einzelnen Aktie zu halten. Man werde deshalb versuchen, diese Konzentration zu reduzieren.

Damit hat sich die zentrale Frage rund um das erfolgreichste Investment des Trusts fundamental verändert: Nicht mehr der Zugang zu SpaceX steht im Vordergrund, sondern der richtige Zeitpunkt für Gewinnmitnahmen.

Börsengang verändert die Ausgangslage

SpaceX vollzog am 12. Juni 2026 den Gang an die Nasdaq. Für Scottish Mortgage war dies ein bedeutender Einschnitt.

Bis dahin wurde die Beteiligung als Private-Market-Investment periodisch bewertet. Seit dem Börsengang verfügt SpaceX über einen täglich beobachtbaren Marktpreis. Veränderungen des Aktienkurses fliessen damit unmittelbar in den Nettoinventarwert des Trusts ein. Baillie Gifford weist selbst darauf hin, dass dies zu stärkeren täglichen Schwankungen des NAV führen dürfte.

Der Börsengang löst zugleich eines der klassischen Probleme grosser Private-Market-Positionen: die eingeschränkte Liquidität. Scottish Mortgage kann seine Beteiligung nun grundsätzlich über den öffentlichen Markt veräussern.

Allerdings nicht sofort und nicht vollständig.

Baillie Gifford kann erstmals verkaufen

Wie bei Börsengängen üblich, unterliegen die Aktien der bestehenden Investoren Lock-up-Bedingungen. Die Beteiligung von Scottish Mortgage wird deshalb schrittweise für Verkäufe freigegeben.

Seit dem 6. August kann der Trust erstmals bis zu 20 Prozent seiner SpaceX-Position veräussern. Weitere Tranchen sollen in den kommenden Monaten verfügbar werden. Slater geht davon aus, dass die Position innerhalb von rund sechs Monaten schrittweise liquide wird.

Wie viele Aktien Baillie Gifford tatsächlich verkauft, ist offen. Klar ist jedoch die strategische Richtung: Die aussergewöhnlich hohe Konzentration soll reduziert werden.

Damit steht der Asset Manager vor einem klassischen Dilemma des aktiven Portfoliomanagements: SpaceX ist gerade deshalb zu einer derart grossen Position geworden, weil sich die ursprüngliche Investmentthese als ausserordentlich erfolgreich erwiesen hat. Ein Verkauf reduziert das Konzentrationsrisiko – gleichzeitig verringert er die Beteiligung an einem Unternehmen, dem Baillie Gifford weiterhin erhebliches langfristiges Wachstumspotenzial zutraut.

SpaceX sorgt für neue Volatilität

Wie stark die Entwicklung von SpaceX mittlerweile auf Scottish Mortgage durchschlagen kann, zeigen die jüngsten Quartalszahlen.

Der Konzern steigerte seinen Umsatz im zweiten Quartal um 92 Prozent auf 7,8 Milliarden Dollar und übertraf damit die Erwartungen der Analysten von 6,8 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust verringerte sich von 1 Milliarde Dollar im Vorjahresquartal auf 541 Millionen Dollar. 

Doch die Anleger konzentrierten sich auf einen anderen Wert: die massiv gestiegenen Investitionen. Die Kapitalausgaben erhöhten sich laut «Daily Business» von 2,83 Milliarden auf mehr als 18 Milliarden Dollar. Die Aktie geriet daraufhin nachbörslich unter Druck und verlor knapp 7 Prozent.

Für Scottish Mortgage ist eine solche Bewegung inzwischen alles andere als eine Randerscheinung. Bei einem Portfolioanteil von rund einem Fünftel können grössere Kursbewegungen von SpaceX die Performance des gesamten Trusts erheblich beeinflussen.

Das frühere Private-Market-Bewertungsrisiko ist damit bei SpaceX einem anderen Risiko gewichen: der unmittelbaren Übertragung der täglichen Börsenvolatilität auf den Nettoinventarwert des Trusts.

Private Markets bleiben bedeutend

SpaceX ist zwar inzwischen börsenkotiert, doch Private Markets spielen im Portfolio von Scottish Mortgage weiterhin eine zentrale Rolle.

Per Ende Juli waren 23 Prozent des Vermögens in 52 privaten Unternehmen investiert. Dazu gehören prominente Namen wie ByteDance, Stripe und Anthropic.

Damit bleibt Scottish Mortgage eine Brücke zwischen Public und Private Markets: Anleger erwerben eine an der London Stock Exchange gehandelte Aktie und erhalten darüber gleichzeitig Zugang zu einigen der weltweit wertvollsten nicht börsenkotierten Technologie- und Wachstumsunternehmen.

Baillie Gifford versteht diese Private-Market-Allokation allerdings nicht als eigenständige Anlageklasse oder taktische Quote. Der Asset Manager argumentiert vielmehr, dass die Unterscheidung zwischen börsenkotierten und privaten Unternehmen für seinen langfristigen Investmentansatz zweitrangig sei. Entscheidend seien das langfristige Wachstumspotenzial und die Qualität des Unternehmens. Ein IPO sei aus dieser Perspektive lediglich ein Wechsel des Handelsplatzes und nicht das Ende einer Investmentthese. (Scottish Mortgage)

SpaceX ist dafür das derzeit prominenteste Beispiel.

Bewertungsfragen bleiben

Bei den weiterhin privaten Beteiligungen bleibt allerdings ein wesentlicher Unterschied zu SpaceX bestehen: Es gibt keinen kontinuierlichen Börsenpreis.

Das schafft Chancen, wirft aber auch Bewertungsfragen auf. Baillie Gifford hält ausdrücklich fest, dass bei schwer handelbaren privaten Beteiligungen nicht garantiert werden kann, dass der angesetzte Wert tatsächlich jenem Preis entspricht, der bei einem Verkauf erzielt werden könnte.

Gerade bei einem Investment Trust ist das relevant. Anleger kaufen und verkaufen die Aktien von Scottish Mortgage an der London Stock Exchange, während ein Teil der zugrunde liegenden Vermögenswerte nur periodisch bewertet wird.

Anleger verlangen einen Abschlag

Dass Investoren diese Risiken berücksichtigen, zeigt sich möglicherweise auch an der Bewertung des Trusts.

Ende Juli lag der Nettoinventarwert bei 1.446,12 Pence je Aktie, während die Aktie selbst bei 1.330,50 Pence notierte. Das entsprach einem Abschlag von rund 8 Prozent auf den NAV.

Dieser Discount besteht weiterhin. Mitte August notierte Scottish Mortgage bei einem Abschlag von rund 8,5 Prozent auf den Nettoinventarwert. (Scottish Mortgage)

Gleichzeitig hat sich die Performance zuletzt deutlich erholt. Über drei Jahre legte die Aktie bis Ende Juli 83,2 Prozent zu und übertraf damit den FTSE All-World mit 60,2 Prozent. Auf fünf Jahre sah die Bilanz dagegen deutlich schwächer aus: Scottish Mortgage kam auf lediglich 3,4 Prozent, während der Vergleichsindex 76,8 Prozent erreichte.

Die Zahlen illustrieren die Konsequenzen eines Investmentansatzes, der bewusst auf wenige aussergewöhnliche Wachstumsunternehmen setzt.

Ein Lehrstück für aktives Management

Für professionelle Anleger liefert Scottish Mortgage damit ein bemerkenswertes Lehrstück über aktives Management.

Die SpaceX-Beteiligung zeigt zunächst, welchen Wert ein Asset Manager schaffen kann, wenn er Jahre vor einem Börsengang Zugang zu einem aussergewöhnlichen Wachstumsunternehmen erhält. Aus einem Kapitaleinsatz von rund 200 Millionen Dollar entwickelte sich eine Beteiligung im Milliardenwert.

Doch dieser Erfolg schafft sein eigenes Risiko.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Baillie Gifford mit SpaceX richtig lag. Das hat die bisherige Wertentwicklung eindrücklich beantwortet. Entscheidend ist vielmehr, wie der Asset Manager einen der grössten Anlageerfolge seiner Geschichte zurückführt, ohne zu früh aus einem langfristigen Gewinner auszusteigen.

Genau darin liegt das Luxusproblem von Baillie Gifford: Das grösste Risiko im Portfolio ist ausgerechnet eines der erfolgreichsten Investments.

Für Schweizer Anleger ist der Trust nur eingeschränkt zugänglich. Er ist nicht von der Finma für ein Angebot an nicht qualifizierte Anleger genehmigt und darf in der Schweiz entsprechend nur qualifizierten Anlegern angeboten beziehungsweise beworben werden.