Die Konjunktur hat sich deutlich aufgehellt, doch die Geldpolitik stimuliert weiter

Vor dem Zinsentscheid am Donnerstag vergangener Woche war doch noch ein Hauch von Spannung aufgekommen: Würde die Schweizerische Nationalbank (SNB) wie die meisten anderen Zentralbanken den Leitzins endlich anheben?

Zwar treibt der stark gestiegene Ölpreis die Inflation wegen der unterschiedlichen Zusammensetzung des Warenkorbs der Konsumenten nicht so stark wie in anderen Ländern. Allerdings federt der aufgrund der rekordhohen Zinsdifferenz schwächelnde Franken die importierte Teuerung nicht mehr ab und und stimuliert zudem die Konjunktur. Vor (und auch nach) dem Zinsentscheid waren auch von verschiedener Seite die Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft nach oben korrigiert worden.

Ist der Wirtschaftsstimulus weiter nötig?

Die SNB liess sich indes davon nicht beeindrucken und blieb beim Nullzins (dessen Umsetzung am Geldmarkt immer noch zu teilweise negativen Zinsen führt).

Immerhin hat das Direktorium konstatiert, dass die Geldpolitik und die Frankenabwertung wachstumsstützend wirken. Aber es vermochte nicht vollends überzeugend dazulegen, weshalb der geldpolitische Wirtschaftsstimulus überhaupt noch nötig ist, sondern argumentierte im Grunde damit, dass sich das Festhalten am Nullzins mit der Erfüllung des Auftrags der Preisstabilität vereinbaren lasse. Das ist nicht falsch, hätte allerdings auch für einen Leitzins von 0,25 Prozent gegolten. Umgekehrt lässt sich dem Festhalten am Nullzins doch auch etwas Gutes abgewinnen, wenn er als Bekenntnis zu einer eigenständigen Schweizer Geldpolitik interpretiert wird.

Obgleich die Arbeit der Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte diesmal nicht so prominent erwähnt wurde wie noch bei der Präsentation des Zinsentscheids im Juni, so dürfte die vierteljährliche Auswertung der Gespräche, die diese mit den Unternehmen führen, auch in diese Lagebeurteilung eingeflossen sein. Der entsprechende Bericht «Konjunktursignale» wird als Teil des Quartalshefts jeweils in der Woche nach der Lagebeurteilung publiziert; dem Direktorium liegen die Informationen natürlich bereits vorher vor.

Keine zusätzlichen Argumente für Nullzinsen

Würde dieser nun am Donnerstag veröffentlichte Bericht – der auf 210 Gesprächen beruht, welche die Delegierten mit Unternehmensleitungen in der ganzen Schweiz vom 21. Juli bis 8. September geführt haben – dazu beitragen, den Entscheid des Direktoriums a posteriori besser nachvollziehbar zu machen?

Das ist nicht der Fall, eher im Gegenteil. Der Grundton, der die «Konjunktursignale« diesmal durchzieht, ist aussergewöhnlich hell, d.h. positiv gegenüber dem Erreichten und optimistisch in Bezug auf die Zukunft. Hätte sich die SNB vom Nullzins verabschiedet, hätte sie den Bericht nicht umformulieren müssen.

Fast schon etwas euphorisch

Zur aktuellen Lage finden sich da etwa folgende Formulierungen:«In der Industrie legten die Umsätze deutlich zu», die SNB registriert dort eine «zunehmend breite Belebung». In der Finanzbranche ist von einem «robusten» Geschäftsgang die Rede, mit wachsendem Hypothekarvolumen und Anlagegeschäft. Solide ist die Nachfrage auch im Beratungsgeschäft sowie bei der Pharma, und der Rohstoffhandel «profitiert von den starken Preisschwankungen».

Auch die Kapazitätsauslastung ist entsprechend gestiegen, bleibt allerdings noch unter der Nulllinie und damit leicht unterdurchschnittlich. Die Gewinnmargen haben sich dank der besseren Auslastung im dritten Quartal verbessert; die Exportwirtschaft profitiert zusätzlich vom schwächeren Franken.

Kapazitaetsauslastung Grafk SNB

Grafik: SNB

«Die Bauwirtschaft verzeichnet weiterhin volle Auftragsbücher», hält die SNB fest, dank Investitionen der öffentlichen Hand in die Infrastruktur und dem privaten Wohnungsbau. Einige Unternehmen berichten von «Vorzieheffekte bei Umbauten und Renovationen auf der geplanten Abschaffung des Eigenmietwerts».

Geopolitik kümmert Unternehmen weniger

Ein Sorgenkind bleiben die Zulieferer der deutschen Automobilindustrie; sie versuchen sich, in anderen Märkten wie China oder anderen Branchen wie der Luftfahrt- und Rüstungsindustrie zu positionieren.

Bei den Aussichten ist der Tenor ebenso positiv. Die Unternehmen blicken «sehr zuversichtlich» auf den künftigen Geschäftsverlauf und hegen «robuste Investitionspläne». Die Befürchtungen, dass der weiterhin schwelende Konflikt im Nahen Osten die Wirtschaft schwer beeinträchtigt, sind geschwunden.

Umsaetze Grafik SNB

Grafik: SNB

Bemerkenswert sind ausserdem die Ausführungen zum Personalbestand. Erstmals seit mehreren Quartalen wird er von den Unternehmen «als etwas zu knapp eingestuft». Die künstliche Intelligenz (KI), die als potenziell grosser Jobkiller gehandelt wird, hat gemäss der SNB bei einigen Betrieben sogar zu einem wachsenden Personalbedarf für die entsprechenden Projekte geführt.

Vom vieldiskutierten Fachkräftemangel finden sich nur noch Spurenelemente: «Die Besetzung offener Stellen wird schon seit mehreren Quartalen als vergleichsweise einfach wahrgenommen,» heisst es im Bericht. Einzig in der Bauwirtschaft ist das Reservoir für Projektleitungs- und Führungspositionen knapp. Auch für die kommenden zwei Quartale erwarten die Unternehmen insgesamt einen «soliden Personalaufbau».