Jahrestreffen der Asset-Management-Branche: Blick über den Tellerrand hinaus

Das jährliche Stelldichein der Gilde der Schweizer Asset Manager stand dieses Jahr zum einen im Zeichen des Stabswechsels bei der Asset Management Association Switzerland (AMAS): Iwan Deplazes (Zürcher Kantonalbank) übergab am Freitag in Bern im schönen Hotel Bellevue Palace den Schlüssel fürs Vorstandspräsidium an André Müller-Wegner (UBS). Zudem wurde auch Matthias Henny, früher Baloise und seit kurzem CFO von Helvetia Baloise, aus dem Gremium verabschiedet.

Zum anderen blickte die AMAS aber auch weit über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinaus, was bei der Wahl der Referenten deutlich zum Ausdruck kam. Eingeladen worden waren nämlich Helene Budliger Artieda, Staatssekretärin für Wirtschaft beim Seco, und Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter in Belgien und bei der Nato.

Fokus auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit

Der scheidende Präsident spurte in seiner Einleitung vor: Zwar blieben die strategischen Ziele der AMAS unverändert. Doch setze man dieses Jahr die Priorität auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit – und die dafür massgeblichen Rahmenbedingungen für die Branche werden natürlich wesentlich von der Politik in der Schweiz und im Ausland gestaltet.

Helene Budliger Artidea hat derzeit alle Hände voll zu tun, wie im Gespräch mit Moderatorin Olivia Kinghorst klar wurde. Zum Dauerbrenner der US-Zölle gesellte sich in jüngster Zeit der Konflikt um die Stahlzölle der EU, und auch der Arbeitsmarkt (Stichwort Debakel bei der IT-Umstellung der Auszahlung der Arbeitslosenentschädigungen) treibt sie um. Sie habe sich langsam daran gewöhnt, dass Donald Trump immer wieder neue Zollankündigungen mache, sagte sie mit einem Augenzwinkern, ohne das Problem für die Schweizer Exportwirtschaft zu verniedlichen.

Die Schweiz muss Deals abschliessen

Gleiche und damit faire Wettbewerbsbedingungen sowie möglichst viel Planungssicherheit für die Unternehmen seien ihr und dem Bundesrat ein grosses Anliegen. Die Schweizer Position hat sich laut der Staatssekretärin nicht verändert: «Als kleines Land verfolgten wir immer die Strategie, unsere Interessen über Vereinbarungen mit den Partnerländern möglich gut zu wahren.»

Michael Elsener AMAS

Sorgte am Asset Management Day für geistreiche Abwechslung und brachte das Publikum zum Lachen: Michael Elsener. (Bild: finews)

Gewandelt habe sich aber das internationale Umfeld. Die Rechtssicherheit sei heute nicht mehr einfach gegeben, und multilaterale Handelsregelwerke hätten an Durchschlagskraft verloren. Umso dringender sei es für die Schweiz, ihre Hausaufgaben zu machen und die Regulierung zu entschlacken, sagte Budliger Artidea und verwies auf entsprechende auf Bundesebene laufende Bemühungen. Aber nicht nur Bundesbern muss handeln. «Der Privatsektor muss seine Stimme wieder stärker in der Politik einbringen», wünschte sie sich mit Blick auf den Mangel an Unternehmern im Parlament und nahm ausdrücklich auch das Publikum in die Pflicht.

Europa schlief, die Schweiz schnarchte

Jacques Pitteloud, der sich diesem Wunsch explizit anschloss, nahm eine umfassende geopolitische Lagebeurteilung vor. Die Folgen der laufenden demografischen Revolution, des Klimawandels, der Rückkehr Chinas als Grossmacht und der technologischen Entwicklungen seien lange unterschätzt worden. «Europa hat geschlafen, und die Schweiz hat geschnarcht», hielt er mit Bezug auf die goldene Zeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Friedensdividende fest.

Vier für die meisten Akteure massgebende Grundannahmen hätten sich als nicht haltbar erwiesen: ein ewiger Friede in Europa, billige Energie für immer, ein quasi gottgegebener Vorteil Europas bei der Hochtechnologie und die USA, die im Notfall die Dinge richten würden. «Es geht nicht nur um die Launen eines Trumps, bereits Bill Clinton hat 1992 die Europäer aufgefordert, mehr für ihre Verteidigung zu tun.»

«Ein Sturm zieht auf»

Anders als die Staatssekretärin, die mit Blick auf für ihre Tätigkeit wichtige Volksabstimmungen (Zehn-Millionen-Schweiz, Rahmenvertrag) taktisch geschickt auf die Vorzüge der direkten Demokratie hinwies (und nicht die bundesrätlichen Positionen wiederkäute), gab Diplomat Pitteloud seine Präferenzen klar zu erkennen. «Ein Sturm zieht auf», prophezeite er mit Blick auf die internationalen Entwicklungen, womit er zumindest die Aufmerksamkeit der Fans des Helden im Fledermauskostüm aus Gotham auf sicher hatte. Seine Einschätzung, dass die Schweiz in dieser Situation, anders als in früheren historischen Krisen, möglichst offenbleibe solle, um ihre Handlungsfreiheit zu bewahren, kann man (muss aber nicht) teilen.

In seinem ersten Auftritt in neuer Funktion setzte André Müller-Wegner den Schlusspunkt, bevor das Publikum zum Stehdinner strömte. Er betonte die grosse ökonomische Bedeutung des Asset Managements für die Schweiz. Die Branche sei in einer guten Verfassung, was auch die jüngste AMAS-Studie bestätigt habe. Die Regulation sei aber ein wesentlicher Faktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.

Länder wie die USA oder Grossbritannien hätten dies erkannt und handelten entschlossen, sagte der neue AMAS-Präsident, eine subtile Botschaft, die er wohl auch als Repräsentant der letzten international tätigen systemrelevanten Schweizer Bank mit Bedacht in der Bundesstadt platzierte.