Nach dem Iran-Debakel: Was Anleger jetzt wissen müssen
Die erste Hälfte des Jahres 2026 war geprägt vom Krieg «Epic Fury» gegen den Iran. Der Konflikt endete mit einem strategischen Rückzug der USA und einer geopolitischen Niederlage für Washington.
Die Vorstellung, durch Luftschläge oder einen Regimewechsel nachhaltige politische Kontrolle über den Iran zu erlangen, unterschätzt die historischen, geografischen und geoökonomischen Realitäten des Landes.
Investoren sollten davon ausgehen, dass die Folgen dieses strategischen Scheiterns und die daraus resultierende Stärkung des iranischen Regimes noch über Jahre hinweg nachwirken werden. Der Nahe Osten wird weiterhin ohne dauerhaften Frieden bleiben, jedoch unter einem neuen und fragilen Machtgleichgewicht, in dem keine Partei über Eskalationsdominanz oder Eskalationskontrolle verfügt.
«Das Scheitern der Iran-Kampagne beschädigt die Wahrnehmung amerikanischer Führungsstärke.»
Gleichzeitig befindet sich Russlands Krieg gegen die Ukraine und Europa in einer Phase der Erschöpfung und steuert spätestens bis 2027 auf eine russische Niederlage zu.
Die Ukraine-Invasion, die Rückkehr Donald Trumps und der Iran-Krieg markieren den Übergang zu einer Ära geopolitischer Rivalität, wirtschaftlicher Zwangsmassnahmen und asymmetrischer Konflikte.
Die Folgen der amerikanischen Demütigung im Iran
Das Scheitern der amerikanisch-israelischen Kampagne gegen den Iran stellt einen geopolitischen Rückschlag mit weitreichenden Konsequenzen dar:
- Erstens wird die Wahrnehmung amerikanischer strategischer Kompetenz erheblich beschädigt. Nach Vietnam, Irak und Afghanistan verstärkt das Ergebnis die Zweifel an der Fähigkeit Washingtons, politische Entwicklungen durch militärische Interventionen nachhaltig zu gestalten.
- Zweitens trägt das Ergebnis zur weiteren Erosion der amerikanischen Glaubwürdigkeit bei Verbündeten und Gegnern gleichermassen bei. Das Scheitern der Iran-Kampagne beschädigt die Wahrnehmung amerikanischer Führungsstärke. Rivalen wie China und Russland sehen sich bestätigt, während Verbündete die Verlässlichkeit Washingtons zunehmend hinterfragen.
Für Investoren bedeutet dies eine weitere Fragmentierung von Kapitalströmen, Energiemärkten, Lieferketten und Technologiesystemen.
Die Folgen einer russischen Niederlage in der Ukraine
Die Perspektive einer russischen Niederlage verändert die europäische Sicherheitsarchitektur grundlegend, während die Nato aufgrund unterschiedlicher Prioritäten und Zielsetzungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zunehmenden inneren Spannungen ausgesetzt ist.
Eine russische Niederlage könnte innenpolitische Instabilität in Russland auslösen und gleichzeitig Europas strategische Fähigkeiten und Abschreckungskraft stärken. Die politische, wirtschaftliche und militärische Integration der Ukraine in Europa würde diesen Prozess zusätzlich beschleunigen.
Verteidigungsausgaben, Dual-Use-Industrien, technologische Kapazitäten und militärische Einsatzbereitschaft befinden sich bereits in einem strukturellen Aufwärtstrend, der auch nach Kriegsende anhalten wird.
«Die Weltwirtschaft fragmentiert sich zunehmend zu einer faktischen G2-Struktur.»
Da es historisch keinen Präzedenzfall für einen dauerhaften Friedensvertrag mit Russland gibt, ist davon auszugehen, dass der Krieg eher durch einen Waffenstillstand beendet wird.
Geoökonomische Fragmentierung in regionale Blöcke
Die Weltwirtschaft fragmentiert sich zunehmend zu einer faktischen G2-Struktur, dominiert von den Vereinigten Staaten und China.
Gleichzeitig verfolgen Europa, Japan, Indien sowie bedeutende Mittelmächte wie Kanada, Brasilien, Südkorea, Indonesien, Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei verstärkt Strategien zur Stärkung ihrer strategischen Souveränität und Diversifizierung.
Diese geoökonomische Fragmentierung verläuft entlang von drei zentralen Linien:
- Nationale Interessen gewinnen gegenüber multilateralen Strukturen an Bedeutung. Gleichzeitig verfolgt Europa verstärkt das Ziel strategischer Souveränität.
- Hohe Staatsverschuldung, expansive Fiskalpolitik und geopolitische Spannungen erhöhen die Risiken für Kapitalmärkte und Finanzstabilität. Besonders die USA bleiben auf ausländisches Kapital angewiesen.
- Geopolitik, Technologie und wirtschaftlicher Wandel beschleunigen den Prozess schöpferischer Zerstörung. Anpassungsfähigkeit wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
Künstliche Intelligenz entwickelt sich zur zentralen strategischen Ressource des 21. Jahrhunderts und beeinflusst Verteidigung, Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Kapitalmärkte.
Dominierende Anlagethemen
Der Ausblick für das zweite Halbjahr 2026 und das Jahr 2027 wird geprägt von der Entwicklung hin zu eingefrorenen Konflikten im Iran und in der Ukraine, sinkenden Ölpreisen sowie einem US-Präsidenten, der sich auf die Zwischenwahlen konzentriert und dafür auf fiskalische Impulse sowie Deregulierung im Finanz- und Energiesektor setzt.
Globale Aktien bleiben die bevorzugte Anlageklasse, auch wenn die Märkte kurzfristig deutlich überkauft erscheinen. Die USA bleiben der führende Aktienmarkt, gestützt durch Unternehmensgewinne, Liquidität und Investitionen in KI.
«Die kommenden Jahre werden vom Superzyklus der europäischen Wiederaufrüstung.»
Angesichts der geopolitischen Fragmentierung in amerikanische, europäische und chinesische Einflusssphären halten wir an der Auffassung fest, dass Aktienallokationen primär auf die eigene Region und Referenzwährung ausgerichtet sein sollten. Internationale Engagements bleiben eine sinnvolle Ergänzung.
Europäische Wiederaufrüstung und Wiederaufbau der Ukraine
Europas strategische Neuausrichtung auf Souveränität in den Bereichen Verteidigung, Technologie und Finanzmärkte seit 2022 hat bereits zu überdurchschnittlichen Anlageerträgen geführt und bleibt eine der attraktivsten langfristigen Investitionschancen.
Die kommenden Jahre werden vom Superzyklus der europäischen Wiederaufrüstung sowie von Investitionen in Transport-, Energie-, Kommunikations- und sonstige kritische Infrastruktur geprägt sein.
Die grösste Herausforderung Europas bleibt die Steigerung von Produktivität und langfristigem Wachstum durch die Umsetzung der Empfehlungen des Draghi-Berichts zur Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union. Dies erfordert tiefgreifende Strukturreformen, deren Umsetzung durch externe Schocks und geopolitischen Druck voraussichtlich beschleunigt werden wird.
Beat Wittmann ist seit 2015 Chairman und Partner der Zürcher Corporate Advisory Firma Porta Advisors AG sowie Vice-Chairman der Münchner Solutio AG, einer auf Privatmärkte spezialisierten Investmentgesellschaft. Zudem ist er Mitgründer und Kuratoriumsmitglied des Sovereign Europe Forum. Er verfügt über 35 Jahre Erfahrung im internationalen Kapitalmarktgeschäft, unter anderem bei UBS, Credit Suisse/Clariden Leu und Julius Bär.













