Robert Vitye: «Heutiges Geld eignet sich immer weniger zur Wertaufbewahrung»
Im Januar wurde bekannt, dass die in den USA domizilierte Bullion International Group (BIG) die Mehrheit an der Schweizer Solit Group übernimmt.
Die Solit Group ist im physischen Edelmetallhandel v.a. mit Partnern im Finanzsektor wie unabhängige Vermögensverwalter und Banken tätig, hält eigene Lager und verwahrt Bestände für Kunden. Eine Spezialität von Solit sind die physischen Edelmetallsparpläne, die sie seit 2009 auch Endkunden anbietet und die heute von mehr als 100'000 Investoren genutzt werden. Die Gruppe beschäftigt rund 220 Mitarbeiter.
Die Edelmetallhandelsplattform BIG wurde 2024 von der MKS Pamp Group gegründet, die u.a. eine Goldraffinerie im Tessin betreibt und mit über 1'400 Mitarbeitern zu den weltweit führenden Edelmetallverarbeitern zählt.
Robert Vitye hatte Solit 2008 zusammen mit Tim Schieferstein und Thomas Hellener gegründet. Das Trio hielt bislang die Aktienmehrheit. Von Vitye, der weiterhin als CEO amtet, wollte finews wissen, was hinter der Transaktion steckt und wie die jüngsten Entwicklungen am Gold- und Silbermarkt einzuschätzen sind.
Herr Vitye, haben Sie und ihre zwei Kollegen einfach die Gunst der Stunde genutzt, dass heisst die Hausse bei den Edelmetallen, um ihr Unternehmen möglichst gewinnbringend zu veräussern?
Nein, wir bleiben alle an Bord und haben kein Exit-Szenario im Hinterkopf. Wir waren uns einig, dass es strategisch sinnvoll ist, einen grossen Eigenkapitalinvestor ins Boot zu holen, um das künftige Wachstum zu finanzieren. Wenn wir mehr Eigenkapital haben, brauchen wir weniger Fremdkapital und sind damit auch weniger fremdbestimmt. Unser Geschäft ist sehr kapitalintensiv.
«Wenn wir mehr Eigenkapital haben, brauchen wir weniger Fremdkapital und sind damit weniger fremdbestimmt.»
Warum?
Weil wir Vorräte an rund 700 verschiedenen Produkten – Münzen und Barren aller Art, in Gold, Silber und in anderen Weissmetallen – halten und auch die Infrastruktur für die Verwahrleistungen viel Kapital binden.
Hat BIG nicht auch den höchsten Preis geboten?
Für uns war entscheidend, dass ein Partner zu uns passt. Wir haben verschiedene Varianten geprüft, aber BIG war von Beginn weg unsere Traumkandidatin, weil sich ihre und unsere Aktivitäten nicht gross überschneiden, sondern überwiegend ergänzen. BIG hat bislang die USA gut abgedeckt und war mit Gold Avenue in der Westschweiz und mit MTB Metals im europäischen Grosshandelsgeschäft aktiv. Wir sind im endkundennahen Bereich des deutschsprachigen Raums stark. Nun entsteht ein neuer globaler Player im Edelmetallhandel. Zudem profitieren wir von der vertikalen Integration. Die Raffinerie von Pamp in der Schweiz erhöht unsere Versorgungssicherheit und verbessert unsere Lieferfähigkeit.
War es eigentlich Zufall, dass Sie und Ihre beiden Kollegen Solit ausgerechnet im Finanzkrisenjahr 2008 gegründet hatten?
Nicht ganz. Wir kennen uns alle seit der Schulzeit und hatten bereits 2001 ein Vermittlungsportal für Anlagefonds aufgebaut, das sich an Selbstentscheider richtete. In den folgenden Jahren haben wir viel über die Investoren und die Märkte gelernt. 2006 haben wir registriert, dass die Nachfrage nach physischem Edelmetall stark zunimmt, aber Anlagemöglichkeiten in physisches Gold waren damals beschränkt. Als dann 2008 das Vertrauen in das internationale Finanzsystem und die staatlichen Papiergeldwährungen als Ganzes erschüttert wurde, wirkte das als Katalysator für unsere Entscheide. Wir verkauften das Vermittlungsportal und gründeten Solit.
«In den Jahren vor der Finanzkrise haben Banken haben das Münzgeschäft eingestellt und den Edelmetallhandel zurückgefahren.»
Aber der physische Goldhandel ist doch eine uralte Domäne der Banken, wo Sie das Rad nicht neu erfinden konnten, oder?
In den Jahren vor der Finanzkrise lief der Trend in eine andere Richtung als heute. Banken haben z.B. das Münzgeschäft eingestellt, den Edelmetallhandel zurückgefahren und Filialen geschlossen. Auch das Geschäft mit Schliessfächern erschien nicht mehr lukrativ, was den Kunden den Zugang zu Lagerungsmöglichkeiten erschwerte. Zudem waren Lösungen mit Standorten ausserhalb der EU gefragt.
Solit hat aber den Sitz erst 2021 in die Schweiz verlegt.
Unsere Tochter für die Lager war bereits seit 2011 hier. Aber ja, im Coronajahr 2021 haben wir uns entschieden, die Internationalisierung und damit das Wachstum aus der Schweiz heraus voranzutreiben.
Sind Anlagen in Gold über moderne Finanzinstrumente wie Exchange Traded Funds (ETF) für einen Anleger nicht praktischer und effizienter als physisches Gold?
Papiergold ist tatsächlich weniger umständlich, aber mit anderen Risiken behaftet. Seit dem Zusammenbruch des auf dem Goldstandard basierenden Bretton-Woods-Systems 1971 wird der Goldpreis von den Futures-Märkten bestimmt. Dadurch wurde das Gold in den modernen Finanzmarkt integriert, doch handelt es sich im Grunde um ein Teilreservesystem, ist also gehebelt. Wenn es zum Schwur käme, gäbe es für die vielen Ansprüche viel zu wenig physisches Gold.
«Papiergold ist weniger umständlich, aber mit anderen Risiken behaftet.»
Stellen Sie in Abrede, dass Gold als Anlage ein ertragsloses brachliegendes Asset und damit ökonomisch betrachtet eine wenig sinnvolle Investition ist?
Das hängt von der Perspektive ab. Nach der österreichischen Schule der Nationalökonomie mit der subjektiven Werttheorie sichert der Sparer damit sein Eigentum ab. Gold ist das ultimative Tauschmittel, eine Recheneinheit und erfüllt die Wertaufbewahrungsfunktion, was bei Fiat-Geld, das jedes Jahr mit der Teuerung real an Wert verliert, nicht der Fall ist. Gold ist so gesehen der Spiegel der Geldentwertung.
Aber in der Praxis wird Gold als Tausch- und Zahlungsmittel doch kaum eingesetzt, oder?
Ja, obwohl es technisch einfach zu bewerkstelligen wäre, etwa mit Zahlkarten, die mit Gold abgerechnet werden. Die Zahlungsfunktion erfüllt unser heutiges Geld gut, die Akteure würden erst bei einer sehr hohen Inflation einen Ersatz wie Gold oder Silber suchen. Aber dass es sich immer weniger zur Wertaufbewahrung eignet, zeigt sich daran, dass die Zentralbanken und andere institutionelle Anleger ihre Goldquote erhöht haben.
«Die Nachhaltigkeit bei der Goldgewinnung ist ein wunder Punkt.»
Was aus der Nachhaltigkeitsperspektive bedenklich ist, weil die Goldgewinnung alles andere als emissionsfrei ist.
Das ist tatsächlich ein wunder Punkt. Wir unterstützen entsprechende Initiativen, kaufen z.B. nur bei LBMA-zertifizierten Herstellern und beteiligen uns an Tracing-Initiativen, bei denen die Herkunft des Golds verfolgt wird. Zudem beziehen wir viel Gold aus dem Recycling, in Deutschland von C. Hafner und in der Schweiz von Pamp.
Wie stark hängt Ihr Geschäftsergebnis von den Schwankungen der Edelmetallpreise ab?
Es gibt keinen direkten Zusammenhang, wir verdienen an der Handelsspanne. Unser Geschäft ist grundsätzlich kursneutral, abgesehen von der Verwahrungssparte, wo wir vom Wertzuwachs der vergangenen Jahre profitierten. Aber auch bei starken Rückschlägen wie in den letzten Wochen werden «Schnäppchenjäger» aktiv, die sich günstig mit physischem Gold eindecken, was uns Volumen bringt.
Der Goldpreis war in den 1980er- und 1990er-Jahren über lange Zeit eine unattraktive Anlage. Könnte es sein, dass wir mit der jüngsten Korrektur wieder in eine solche Phase kommen?
Unmöglich ist das nicht, aber es spricht vieles dagegen. Von einer Entspannung in der Handels- und Geopolitik ist wenig zu sehen, von einer Rückkehr zu einer soliden Haushaltspolitik der Staaten noch weniger. Auch fehlt der Wille für eine globale Koordination, die das Vertrauen in das Weltfinanzsystem stärken würde. Dazu kommt, dass die Geldschöpfung in einem Fiat-System inhärent inflationär ist. Die Erosion der Dollar-Hegemonie hat sich mit den Sanktionen gegen Russlands Zentralbankreserven nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 deutlich beschleunigt. Wie gesagt: Eigentlich ist der Wert der Fiat-Währungen gefallen und nicht der Preis des Goldes gestiegen. Aber wenn wir in Papiergeld rechnen: Gold hat seit 1971 auch nach der jüngsten Korrektur im Schnitt jedes Jahr 9 Prozent zugelegt und in der europäischen Einheitswährung seit deren Einführung sogar 11 Prozent.
«Eigentlich ist der Wert der Fiat-Währungen gefallen und nicht der Preis des Goldes gestiegen.»
Welche Rolle kann Silber spielen?
Wir hatten von Beginn weg Edelmetalle auch als monetäre Alternative betrachtet und deshalb Silber ebenfalls im Angebot. Silber folgt dem Trend von Gold, aber ausgeprägter, quasi mit einem Hebel. Silber ist zudem ein begehrtes und für viele zukunftsträchtige Technologien unentbehrliches Industriemetall. Auch von dieser Seite ist die fundamentale Unterstützung stark. Seit Jahres gibt es ein strukturelles Angebotsdefizit, die Erschliessung neuer Minen ist teuer und zeitaufwendig. Damit bleibt der für Investitionen zur Verfügung stehenden Silberbestand bescheiden, noch kleiner als im Gold. Wir hatten denn auch in den letzten Monaten im Silberbereich viel Betrieb.
Wäre es angesichts des Angebotsdefizits nicht zielführender, in Minengesellschaften zu investieren?
Damit handeln Sie sich aber wieder andere standortspezifische Risiken ein, wie staatlicher Einfluss, Kriminalität und Korruption, Geopolitik oder Energiekosten.
Welche Stückelungen wünschen Ihre Kunden zurzeit? Wollen sie angesichts der Unsicherheit das Gold vermehrt selber halten?
Viele Private wählen gängige Edelmetallmünzen. Im Retailbereich ist der 100-Gramm-Barren der Klassiker, für grössere Investitionen eher die handelsüblichen schwereren Stückelungen. Der Bedarf nach physischen Edelmetallen ist seit 2008 kräftig gestiegen, der Anteil der Selbstverwahrer ist indes stabil geblieben.
«Diejenigen Investoren, die in den letzten Jahren ihre Goldquote hochhielten, haben besonders gut geschlafen, trotz der jüngsten Korrektur.»
Gemäss der Portfoliotheorie wäre es sinnvoll, nach dem starken Anstieg des Goldpreises in den letzten Jahren im Rahmen der strategischen Asset Allokation ein Rebalancing vorzunehmen, also Gewinne zu realisieren und in andere Anlageklassen zu investieren.
Ja, aber diese Überlegung basiert auf einem finanzmathematischen Modelldenken. Unsere Kernthese lautet, dass wir uns im strukturellen Übergang vom alten in ein neues Währungssystem befinden. Aber jeder Kunde muss sich mit seiner Edelmetallquote wohl fühlen und gut schlafen können. Und Tatsache ist, dass trotz der jüngsten Korrektur diejenigen Investoren, die in den letzten Jahren ihre Quote hochhielten, besonders gut geschlafen haben.












