Der Krisenmodus in der Schweiz drängt die Menschen nicht nur dazu, WC-Papier zu hamstern, sondern auch noch längerfristig zu denken und sich mit physischem Gold einzudecken.

Es ist ein ungewohntes Bild, das sich seit einigen Tagen am Bleicherweg in der Zürcher Innenstadt bietet. Schlangen von bis zu zwei Dutzend Personen bilden sich regelmässig vor einem unscheinbaren Ladenlokal. Es ist der Sitz des deutschen Goldhändlers Degussa in der Schweiz. Sie alle wollen sich in diesen verrückten Zeiten einen Notvorrat an Gold sichern.

Damit zeigt sich, dass Herr und Frau Schweizer nicht nur für Teigwaren, Eier oder WC-Papier anstehen, sondern auch für das gelbe Edelmetall, wie Andreas Hablützel, CEO der Firma Degussa Goldhandel, im Gespräch mit finews.ch bestätigt. Die Nachfrage sei schon seit rund drei Monaten steigend. Nun sei der Andrang aber enorm geworden. Der tägliche Umsatz habe sich verzehnfacht. Genaue Zahlen will Hablützel nicht nennen.

Ehrbare Leute

Um die Ordnung zu wahren, achten Sicherheitsleute darauf, dass sich jeweils nur maximal zehn Personen im Laden aufhalten – auch darum die Menschenschlangen draussen. Gekauft werden mit Vorliebe nun kleinere Goldbarren, Goldvreneli und andere wertvolle Münzen. In der Regel geben sogenannte Retailkunden je um die 5'000 Franken aus, um sich mit dem gelben Edelmetall für unsichere Zeiten zu wappnen, wie weiter zu erfahren war.

«Das sind keine Spekulanten», erklärt der frühere Banker Hablützel, der 2012 das Geschäft in der Limmatstadt eröffnete, «sondern ehrbare Leute, die sich und ihre Familien vor einem Kollaps des Finanzsystems mit realen Werten langfristig absichern wollen.» Darum nehmen sie auch in Kauf, dass das gelbe Edelmetall im Sog der jüngsten Börsenbaisse ebenfalls gelitten hat. Sie denken langfristig.

Gold wie ein Stück Schololade

Die grösste Nachfrage stammt indessen von unabhängigen Vermögensverwaltern, die sich mit physischem Gold im Wert von bis zu mehreren Kilos eindecken, um es in die Portefeuilles ihrer Klientel einzubuchen. Ein Kilogramm Gold kostet derzeit etwas mehr als 45'000 Franken. Einlagern können sie das gelbe Edelmetall direkt bei Degussa im Untergeschoss, wo das Unternehmen in Zürich 3'700 Schliessfächer anbietet. «Vermögenswerte gänzlich ausserhalb des angestammten Finanzsystems zu haben, ist für viele Menschen sehr interessant», stellt Hablützel fest.

Momentan werde nur gekauft und nichts verkauft, so der Experte weiter. Besonders beliebt seien auch die sogenannten Kombibarren (Bild ganz oben). Dabei handelt es sich um kreditkartengrosse Plättchen, die wie eine Schokoladetafel aus 50 Ein-Gramm-Stückchen bestehen. So kann der Besitzer sein Gold notfalls wie Geld verwenden und als Zahlungsmittel einzelne Stücke abbrechen.

Milliardär mit riesigen Goldreserven

Dass Degussa derzeit der extrem hohen Nachfrage gewachsen ist, kann das Unternehmen seinem Besitzer Baron August von Finck verdanken. Der geheimnisvolle Unternehmer und Milliardär aus München, der seinen Wohnsitz im Schloss Weinfelden im Kanton Thurgau hat, setzt schon seit Jahrzehnten auf Gold respektive auf das Geschäft mit dem gelben Edelmetall und legte unter diesen Prämissen enorme Reserven an, die ihm beziehungsweise seinem Unternehmen heute zugutekommen. Degussa, mit zwölf Standorten allein in Deutschland sowie weiteren Niederlassungen in England, Spanien und der Schweiz, ist der grösste Goldhändler Europas.

Ob sich das Geschäft in den nächsten Tagen verlangsamen wird, bleibt abzuwarten. Denn mit der Ausrufung des Notrechts in der Schweiz muss auch Degussa seine beiden Lokale in Zürich und Genf vorübergehend schliessen. Doch Hablützel betont: «Wir haben einen Onlineshop, in welchem unsere Kundschaft weiterhin ihre Bestellungen an 7 Tagen 24 Stunden lang platzieren kann.»